Und alle so still

Fallwickl, Mareike

Roman
Rowohlt, 2024
ISBN: 978-3-498-00298-5
367 S.



Darum geht's:
Elin ist eine Influencerin, die mit ihrer Mutter in deren Hotel wohnt. Sie hat den Verdacht, dass ihre Mutter Elin nur aus dem Gund in die Welt gesetzt hat, dass jemand ihre eigenen, zwar feministischen doch auch sehr starren Ansichten weiterträgt. Sie ist abgestumpft, hat random Sex mit Männern, ohne dabei etwas zu empfinden und vermarktet sich selbst online. Außer ihrer Mutter hat sie so gut wie keine Bezugsperson und ist sehr einsam. Bis sie plötzlich zu ihrer Großmutter fahren soll, weil dieser vermeintlich etwas zugestoßen ist. Elin kennt ihre Oma aber gar nicht und weiß nicht, wer oder was sie nun erwartet. Sie ahnt nicht, dass dies der Anstoß ist, der ihr ganzes Leben verändert. 

Nuri ist ein junger Mann, der versucht, sich mit verschiedenen Jobs durchzuschlagen. Er arbeitet als Barkeeper, als Pflegehelfer im Krankenhaus und als Fahrradkurier. Jeden verdienten Cent spart er, kauft sich nur das aller nötigste, schläft so wenig wie möglich und gibt einfach sein Bestes, um nach dem Abbruch der Schule irgendetwas aus seinem Leben zu machen. Als er merkt, dass sein Vater sein ganzes Erspartes einfach genommen hat, verlässt er sein elterliches Zuhause, schäumt vor Wut und weiß überhaupt nicht mehr, wohin mit sich selbst. 

Ruth arbeitet als Pflegefachkraft in einem Krankenhaus. Sie macht ständig extra Dienste, weil sie permanent unterbesetzt sind und sie es nicht schafft, die Patient:innen und auch die noch verbliebenen Kolleg:innen im Stich zu lassen. Ihre eigenen Grenzen überschreitet sie dabei permanent, ist am Rande eines Erschöpfungszustandes und versucht dennoch bis zuletzt, sich so gut wie möglich um alle zu kümmern, die sie brauchen. 

Als eines Tages Frauen reglos auf den Straßen liegen und einfach nichts mehr machen, kreuzen sich die Wege dieser drei Protagonist:innen. 


So geht's mir dabei:
Hier will ich ausnahmsweise mit einem Zitat beginnen: 

"Diese scheiß Kuchenbuffets", sagt Barbara, "eine ganze Industrie ist das, die auf der freiwilligen Arbeit von Frauen beruht. Sportplatzfeste, Kindergartenabschiede, für die Klassenkassa, für den guten Zweck, für, für, für. Was schätzt du, wie viele Stunden Frauen und Mütter kuchenteigrührend in der Küche stehen, hm?" (S. 70)

Bei Sätzen wie diesen fühle ich mich so ertappt. Denn wir machen da ja auch alle mit. Wir alle sind ja das System, das so läuft und funktioniert, wie es das eben tut. Und das hat Mareike bei ihrer "Lesung" eindrücklich klar gemacht. Lesung steht nicht ohne Grund in Anführungsstrichen. Der Abend mit der Autorin in der Tyrolia Buchhandlung war so viel mehr als das. Und das Buch ist so viel mehr als ein Roman. 

Die Geschichten basieren auf Tatsachen und auf Fakten. So sehr ich mir wünschen würde, dass sie vieles davon erfunden hat, dass sie übertreibt und überzeichnet, so knallhart ist die bittere Realität: Das hat sie nicht getan. Sie selbst sagte, die Geschichten aus dem Krankenhaus sind so krass, die hätte sich sich nicht ausdenken können. Das sind Erfahrungsberichte und diese Tatsache bereitet mir immer wieder Gänsehaut. 

Ich musste das Buch oft zur Seite legen, weil es mir so nahe ging. In einem Rutsch hätte ich diesen Roman nicht lesen können. Er ist aufrüttelnd, er tut weh und der Inhalt ist bitter. Vor allem aber ist das Buch horizonterweiternd. 

Nach der Lektüre eines Buches von Mareike Fallwickl ändert sich der Blick auf Situationen, die uns alltäglich begegnen. Zum Beispiel hat sich mein Bild von Fahrradkurieren geändert und als ich kürzlich hörte, dass diese gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestieren wollen, in dem sie während eines Spiels der Männer-Fußball-Europameisterschaft nicht liefern, habe ich es verstanden und mir nur gedacht "Good for you!". So oder so ähnlich verhält es sich auch mit anderen Themen, die Mareike in ihrem Buch aufgreift, von denen sie erzählt, die sie ihren Figuren auferlegt und die uns vor allem alle angehen. Das Buch zu lesen und sich auf die Frage einzulassen, was passiert, wenn Frauen einfach nicht mehr weitermachen, erfordert Mut, denn die Antwort ist sehr, sehr unbequem, gar schmerzhaft und das ist uns allen sonnenklar. 

Die wichtigste Message, die nach dem Buch für mich übrig bleibt, ist jene: Es geht nicht darum, dass Frauen aufhören, sich zu kümmern. Es geht darum, dass Männer endlich auch damit anfangen.

Geht's kurz und knapp? Je mehr Menschen dieses Buch lesen, je ernster sie den Inhalt nehmen, desto besser ist es für unsere Gesellschaft.

Ein Tipp noch: Solltet ihr die Chance haben, einen Lesungs-Abend mit Mareike Fallwickl zu erleben, geht da hin. Das ist ein einmaliges Erlebnis. 


Buch kaufen

Hier kannst du das Buch direkt bei der Tyrolia Buchhandlung kaufen. (Kostenlose Lieferung in ganz Österreich.) Dadurch unterstützt du nicht nur den stationären Buchhandel sondern auch meinen Blog. Danke dafür. :-) 

Ich bedanke mich herzlich beim Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Das Geburtstagsfest

Wenn du mich heute wieder fragen würdest

Männer töten