Die Wut, die bleibt

Fallwickl, Mareike


Rowohlt Verlag, März 2022
ISBN: 978-3-498-00296-1
377 S.



Darum geht’s:
Helene, Johannes und die 3 Kinder Lola, Maxi und Lucius sitzen beim Abendessen. Als Johannes sagt „Haben wir kein Salz“, steht Helene auf, geht auf den Balkon und stürzt sich 12 m in die Tiefe. Es war zu viel. Helene ist am Ende. 

Johannes verlässt morgens um 6 das Haus, geht seiner Arbeit nach, kommt abends nach Hause. Helene ist in der Zwischenzeit verantwortlich für eine rebellische Teenager-Tochter, für ein forderndes Kindergartenkind und für den 18 Monate alten Lucius. Sie sind in dieser Wohnung, die sie versucht, sauber zu halten und können im Schatten der Pandemie seit Monaten kaum jemanden treffen. Sie kocht, wäscht, bügelt, geht einkaufen, tröstet, schimpft, beruhigt, schlichtet, ist für alles zuständig, was der Alltag hergibt bzw. fordert. Und sie hat einen Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr kann. 

Helenes beste Freundin Sarah versucht gemeinsam mit Lola nach dieser Tragödie das Rad am Laufen zu halten. Sarah, die selbst noch keine Kinder hat, fühlt sich verantwortlich und übernimmt die Fürsorge. Lola hilft mit, erkennt aber das Problem hinter der Handlung ihrer Mutter und weigert sich zunehmend, sich den patriarchalen Strukturen der Gesellschaft zu beugen. Als sie und ihre Freundin von 3 Burschen angegriffen werden, fangen die beiden an, sich zu wehren und werden dabei immer wütender… 

Sarah sieht und spürt währenddessen, welchen Job ihre Freundin an sieben Tagen die Woche 24 Stunden lang erledigt hat und erkennt die Bitterkeit hinter den vielen lustigen Alltagerzählungen von Helene, die eigentlich der Beleg für ihre Überforderung waren. Viel zu spät fängt Sarah an, ihre Freundin wirklich zu verstehen. 

"Sarah hat das all die Jahre gut gefunden. Hat gedacht: Meine Freundin, die jammert nicht. Sie ist erschöpft, ja, das ist ganz normal, das geht vorbei, wenigstens hat sie ihren Humor nicht verloren und sich selbst. Doch während sie Leon beschrieben hat, dass die Suppennudeln am Boden sich nicht fassen ließen, dass Lucius nicht schlafen wollte und sich in ein lang gezogenes Weinen hineingesteigert hat, hat sie diesem rauen, rotzigen Lachen von Helene nachgespürt und etwas Neues darin gefunden. Ein Tabu." (S. 117)


So geht’s mir dabei: (Triggerwarnung: Suizid, Sexualisierte Gewalt.) Diese Geschichte kommt mit voller Wucht daher und erwischt uns knallhart. Die Salzburger Autorin legt wortgewaltig und schmerzhaft den Finger auf die Wunde unserer Gesellschaft. Sie zeigt in einem fulminanten Werk Missstände unseres patriarchalen Systems auf, weist uns hin, auf das misogyne Narrativ, dem wir alle von Geburt an unterliegen und lässt uns aufhorchen, weil es uns alle betrifft und uns allen schadet. Und dieses Aufhorchen kann erst einmal sehr unangenehm sein und in uns selbst auf Ablehnung stoßen. 

Die Kapitel werden abwechselnd aus Sarah's und aus Lolas Perspektive erzählt. Während Lola in ihren Überzeugungen immer klarer wird, verfällt Sarah in eine Rolle, aus der sie nicht sehr leicht wieder herausfindet. Lola hält ihr aber immer deutlicher den Spiegel vor und so beginnt sich auch in Sarah's Weltbild etwas zu ändern. 

Dass die Autorin in Lolas Kapiteln gendert, ist übrigens einfach nur genial. Dass es kaum jemand merkt, macht alle Einwände bezüglich Lesefluss mit einem Schlag zunichte. (What a nice Metaphor.)

Achtung Spoiler:
Ich bin davon überzeugt, dass viele Leser*innen sich an der gewaltvollen Entwicklung stoßen werden, die Lola mit ihrer Freundin Sunny und weiteren Mädchen durchmacht. Für diese Geschichte ist sie aber notwendig. Literatur darf überzeichnen, um aufzurütteln und das tut Mareike Fallwickl mit diesem Meisterwerk eines feministischen Romans. Ich bin übrigens auch davon überzeugt, dass sich kaum jemand an der Gewalt stoßen wird, die den Mädchen angetan wurde. Diese Erzählung nehmen wir problemlos an, schließlich geschieht sie tagtäglich vor unseren Haustüren. Dass die Mädls sich dann zusammentun und die Jungs und Männer vermöbeln, die Mädchen und Frauen sexuelle Gewalt angetan haben, stößt uns sauer auf. Das erscheint uns gleich als übertriebene Reaktion. Here we go: Patriarchy at it's finest. 

Einen ganz anderen Aspekt des Romans möchte ich aber unbedingt noch hervorheben: Das aller erste Gefühl, das ich nach der Lektüre hatte, war Liebe. Ich habe zu meiner eigenen Sarah/Helene gesagt: Mareike hat ein Buch über uns geschrieben. Diese unglaubliche Verbundenheit zwischen den beiden Frauen, ist ab Seite eins spürbar und hat mich zutiefst berührt. Das ist es, was Frauen untereinander viel besser könnten, wenn sie sich nicht permanent in einem konkurrierenden System behaupten müssten: sich wertschätzen, sich unterstützen, sich empowern, sich lieben. 

"Das Grundgefühl zwischen Frauen ist Liebe, hat Sunny gesagt." (S. 373)

 


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Vielen Dank an den Rowohlt Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar vorab zur Verfügung gestellt hat. 


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