Wovon wir leben

Birnbacher, Birgit

Roman

Zsonlay, 2023
ISBN: 978-3-552-07335-7
188 S. 


Darum geht's:
Julia Noch hat dem kleinen Dorf "im Innergebirg", in dem sie aufgewachsen ist, den Rücken gekehrt. Sie ist in die Stadt gezogen, um dort als Krankenschwester zu arbeiten und ihr eigenes Leben zu führen. Ein Leben, das sie sehr schnell wesentlich mehr liebte, als alles, was sie bis dahin gekannt hatte. Die Freiheit der Stadt, die bunte Vielfalt, die Bars und Kneipen, das Radfahren und auch ihre Arbeit - all dies gab ihr ein Gefühl, am Leben zu sein und ihre Sache gut zu machen. Sie fängt eine Affäre mit einem verheirateten Arzt an. Was anfangs gut war wird zunehmend komplizierter und schwieriger. Auch die Arbeit im Krankenhaus dreht sich immer mehr um Bürokratie, Verschriftlichung und Digitalisierung, immer weniger um die Menschen. 

Während einer ihrer Dienste unterläuft Julia im Krankenhaus ein folgenschwerer Fehler, der beinahe eine Patientin das Leben gekostet hätte. Julia kommt mit dieser Schuld nicht klar, wird selbst chronisch krank und ist über Monate im Krankenstand, bis sie schließlich gekündigt wird und auch aus ihrer Personalwohnung ausziehen muss. Aufgrund der anhaltenden Lungenprobleme ist sie nicht in der Lage, sich eine andere Arbeit zu suchen und sieht keinen Ausweg als den, nach Hause zu ihren Eltern zurückzukehren. 

Doch anstelle der Eltern, erwartet sie dort nur der Vater. Die Mutter hat ihn verlassen und sich in den Süden abgesetzt, wo sie ein völlig neues Leben führt. Der Vater ist in einem desolaten Zustand, kann sich kaum um sich selbst kümmern, ertrinkt in Selbstmitleid und kommt ohne die Fürsorge (s)einer Frau nicht klar. 

"Der Vater hat nicht einmal Brot! Der labbrige Toast in der Plastikfolie wird in Kürze verschimmeln, oder er verschimmelt schon seit Wochen nicht. Die Anzeichen des Verfalls sind unübersehbar, auch wenn er nach Kräften versucht, hier Betrieb vorzutäuschen." (S.63)

Julia ist hin- und hergerissen. Sie will nicht in die Rolle der Mutter schlüpfen, aus der diese aus gutem Grund geflohen ist, sie kann aber auch nicht einfach zusehen, wie es mit dem Vater bergab geht. Außerdem ist da noch ihr kranker Bruder, der seit Jahren in einer nahegelegenen Klinik untergebracht ist und von dem sie nicht weiß, ob er sie überhaupt wiedererkennt, ob er ihre Nähe schätzt, sie registriert, wie es ihm geht. 

Dann lernt sie Oskar kennen, den Städter, der nach einem Herzinfarkt eine Auszeit benötigt, die er ausgerechnet in diesem (idyllischen) Dorf verbringen will. Sie versteht nicht, wie er das machen kann, wo er doch die Wahl hätte - anders als sie selbst. Julia ist abwechselnd neidisch, eifersüchtig und angetan von Oskar und weiß nicht recht, wie sie diese ganze Situation einschätzen soll. 

So geht's mir dabei: Ich habe die unglaublich sympathische Autorin Birgit Birnbacher auf der Buch Wien getroffen und mir von dort auch ihr Buch mitgenommen, das sie mir freundlicherweise noch signiert hat.  

In ihrem Roman beleuchtet sie in erster Linie das Thema Arbeit. Was bedeutet Arbeit für die Menschen, was macht es mit ihnen, wenn sie diese verlieren und was, wenn ihnen Arbeit auferlegt wird, die sie eigentlich nicht machen möchten. Wann geht es dabei um Verdienst, wann um Erfüllung, wann um eine Bürde? Haben Frauen und Männer die gleichen Ansichten, Chancen, Freiheiten? Wie wird eine Frau angesehen, die als Architektin arbeitet, Kinder bekommt und ihren Job trotzdem weiter ausführt? Und wie ein Mann? Vor allem in so dörflichen Strukturen, wie in diesem Roman? 

Es finden also auch brandaktuelle Themengebiete, wie etwa Gleichberechtigung, Emanzipation, Inklusion und Empathie Platz in diesem Roman. Außerdem stellt die Autorin geschickt gegenüber, wie erfüllend Sorgearbeit, die bezahlt und geschätzt wird, sein kann (Julia als Krankenpflegerin) und wie abschreckend, wenn genau diese Arbeit ungefragt von jemandem verlangt, nicht bezahlt und nicht geschätzt sondern gefordert wird. (Julia, die sich plötzlich um ihren Vater/Bruder kümmern soll.) 

Birgit Birnbacher zeichnet ein tristes Bild des kleinen Dorfes, in dem festgefahrene Rollenbilder in Stein gemeißelt sind und sich niemand von diesen Standpunkten fortbewegen will. Genau diese Atmosphäre ist es, die ich wirklich sehr bedrückend fand und ich war froh, das Buch schließen und das Dorf verlassen zu können. Der Schluss, den ich hier nicht verraten will, hat mich wirklich enttäuscht. Dabei geht es aber nur um den Plot-twist, der in den letzten paar Sätzen stattfindet. Kein Grund also, das Buch deshalb nicht zu lesen. 

Geht's kurz und knapp: Ein Buch über die Frage, wovon wir Menschen wirklich leben möchten, das wichtige gesellschaftliche Themen, allen Voran die Arbeit, hinterfragt und in eingängiger Sprache geschrieben wurde. 



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