Nebenan

Bilkau, Kristine

Roman

Luchterhand, 2022
978-3-630-87519-4
287 S. 


Darum geht's:
[Vorab eine Triggerwarnung: Unerfüllter Kinderwunsch.] 
Die Geschichte findet ihre Handlung in einem kleinen Ort und dreht sich um mehrere Bewohner:innen dieses Dorfes. Scheinbarer Mittelpunkt der Handlung ist ein Haus, das seit dem Jahreswechsel leer steht. Niemand weiß, wohin die Familie, die hier wohnte, verschwunden ist und warum sie nicht zurückkehrt. Auch wenn man sich nicht wirklich gut kannte, so war man doch benachbart und ein Wort des Abschieds wäre angebracht gewesen. Oder gibt es ernstere Hintergründe für das Verschwinden, als nur einen Umzug? Steckt Gewalt dahinter? Und was will der Junge, der plötzlich mit einer sonderbaren Botschaft im Garten des leeren Hauses steht? In der Nachbarschaft machen sich einige Personen Gedanken darüber, melden es auch bei der Polizei, recherchieren ein wenig im Internet...

Im Kern des Buches dreht sich die Handlung aber um genau diese Personen, die nebenan wohnen. Zum Beispiel um Julia, die Ende Dreißig ist und sich nichts sehnlicher als ein Kind wünscht. Gemeinsam mit ihrem Freund wohnt sie seit kurzer Zeit in dem verlassenen Dorf und hat hier einen Keramikladen samt Online-Versandhandel eröffnet. Durch diesen Laden lernt sie ein paar Personen aus dem Ort kennen. Unter anderem Astrid, eine Ärztin, die kurz vor dem Ruhestand ist und versucht, sich mit dieser neuen Lebensphase anzufreunden. Astrid kümmert sich außerdem um ihre betagte Tante, Nachbarin von Julia und obwohl teilweise ein wenig zerstreut, bereitet sie sich überraschend klar auf ihr eigenes Lebensende vor. Astrids verloren geglaubte Freundin Marli taucht außerdem wieder auf. Sie haben sich vor Jahren aus den Augen verloren, nach dem Vorfall mit ihren jugendlichen Kindern damals. Doch nun ist Marli wieder da und Astrid findet einen Weg, mit ihr ins Gespräch zu kommen. 
"Schweigend ziehen sie an ihren Zigaretten, wie früher, wenn sie hier saßen, manchmal völlig erschlagen von einem durchschnittlichen Tag, an dem sie gearbeitet, gekocht, vorgelesen, Kinder ins Bett gebracht und danach nichts mit sich anzufangen gewusst hatten. Mit dem Gefühl, das konnte für den Abend doch nicht alles gewesen sein." (S. 228 f) 
So geht's mir dabei: Ich habe das Buch richtig gerne gelesen. Hier werden verschiedene Frauen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen beleuchtet. Es sind unaufgeregte Geschichten, die für die einzelnen Frauen doch in ihrer Dramatik erschütternd sind. Dabei geht es um das Älterwerden, um die Sorgen und Ängste an verschiedenen Punkten im Leben, um die Rolle der Frau in der Gesellschaft ebenso wie um Freundschaft, Mutterschaft und Zusammenhalt. 

So alltäglich die vielen einzelnen Situationen sind, so lebensnah und echt sind sie und die Sprache von Kristine Bilkau ist sehr einfühlsam und stellenweise gar poetisch. Trotz des ruhigen Tons zieht einen die Geschichte in seinen Bann und man will das Buch kaum zur Seite legen. Es werden ganz vielschichtige Aspekte darin beleuchtet, vor allem was das Frausein in einer Gesellschaft, die vom Patriarchat geprägt wurde, bedeutet. 

Das Ende hat mich ratlos zurückgelassen, mich vorerst vor den Kopf gestoßen und sogar ein wenig verärgert. Ohne zu viel verraten zu wollen, möchte ich dennoch sagen, dass ich mich noch immer frage, wozu das alles gut war, wenn das Ende dann ist, wie es ist. Da habe ich entweder etwas nicht verstanden oder ich sehe den Zusammenhang einfach nicht deutlich. 

Nichtsdestotrotz mag ich das Buch sehr gerne und bin froh, dass ich es an Weihnachten unter dem Baum gefunden habe.  

Geht's kurz und knapp? Ein beeindruckendes Buch voller Feingefühl. Vor allem die verschiedenen Ängste und Sorgen der Frauen und der Erwartungen an sie wird raffiniert beleuchtet und erzählt. Aber auch die Solidarität untereinander. Ich kann es sehr empfehlen. 

Hier kannst du das Buch gleich direkt bei der Tyrolia Buchhandlung bestellen und in der Filiale abholen oder versandkostenfrei innerhalb von Österreich an dich senden lassen. Damit wird der stationäre Buchhandel unterstützt und auch mein Blog. DANKE dafür. 



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