Dad

Gantenbrink, Nora

Roman

RoRoRo, April 2021
ISBN: 978-3-499-29101-2
231 S. 




Darum geht's: Als Marlene anfängt, über ihren Vater ein Buch zu schreiben, ist er bereits seit 12 Jahren tot. Sie selbst ist längst erwachsen, hat dem Dorfleben in Eisenwald den Rücken gekehrt, wohnt in Hamburg am Kiez direkt am Transenstrich, arbeitet als Journalistin und hält ihre Mitmenschen so gut es geht auf Abstand. Aber ihrem Vater möchte sie näher kommen. Sie hat unzählige Fragen über ihn und sein Leben. Warum war er immer abwesend, als sie noch ein Kind war? Wo hat er sich mit Aids infiziert? Welche Spuren hat er auf seinen Reisen durch Afrika und Asien hinterlassen? Wie war er? Wer war er? 

Er war ein Hippie-Dad, auf den sie und ihre Mutter sich nie verlassen konnten. Manchmal war er da, manchmal nicht. Man wusste nie, wie lange er bleiben und wann er wieder verschwinden würde. An Daten, wie ihren Geburtstag, den ersten Schultag oder andere wichtige Ereignisse in einem Kinderleben, erinnerte er sich prinzipiell nie. Er war ein drogenabhängiger Lebemensch, dem es in Deutschland zu eng war, der die Freiheit und die Frauen liebte und der kurz vor seinem Tod noch aus dem Krankenhaus abhaute, um Dope zu kaufen und im Krankenzimmer zu kiffen. 

Marlene ist sich nach wie vor nicht sicher, wie sie ihren Vater sieht, was sie eigentlich von ihm haltet und möchte das so gerne ändern, will mehr über ihn herausfinden. Also besucht sie Freunde von ihm und erfährt genauer, wohin ihn seine Reisen führten. Um auf seinen Spuren zu wandeln macht sie sich erst auf nach Marokko und schließlich nach Thailand, wo sie auch die Frau finden will, deren Foto ihr Dad bei sich trug. Tatsächlich trifft sie während ihrer Reise auf Menschen, die sich an Pepe, ihren Vater, erinnern.  
"Sie drückt das Bild an ihre kleinen Brüste. 'Mein Schöner', flüstert sie. 'Mein Schöner! Weißt du, das war einer meiner Schönsten. Und ich hatte viele Schöne.' Es klingt, als rede sie über ein Dressurpferd, nicht über meinen Dad. [...] Eigentlich dachte ich immer, dass Hippies alle Menschen lieben, aber die Schönen am Ende offenbar doch noch etwas mehr. Das war mit Uschi Obermaier genauso." (S. 190 ff)

So geht's mir dabei: Die Journalistin Nora Gantenbrink hat in ihrem Romandebüt eine Mischung aus Autobiographie und Fiktion geschrieben. Ich mag es sehr gerne, wenn man weiß, in der Geschichte steckt viel Wahres und dabei aber nicht klar ist, wo die Grenze zum Ausgedachten gezogen wurde. 

Auf gerade einmal 230 Seiten schafft es die Autorin, die Stimmung der 60er, 70er, 80er und 90er Jahre heraufzubeschwören und nimmt uns Leser*innen mit auf einen Trip durch diese vier Jahrzehnte. Dabei wachsen uns die einzelnen Protagonist*innen in Marlenes Leben ans Herz und ihre Lebenswege gehen berührend unter die Haut. Kurzweilig liest sich das Buch, das mal traurig, mal ernst, mal humorvoll und leicht ist. 

Wenn wir nach der letzten Seite die Buchdeckel schließen, spüren wir eine ganz besondere Verbindung zu Tochter und Vater dieser Geschichte, streichen noch einmal über das Cover und lassen den Blick ein wenig in die Ferne der Vergangenheit schweifen. Das wohlig warme Gefühl dabei, lässt uns Leser*innen dann nicht so schnell wieder los und kommt zurück, sobald wir das Buch wieder ansehen. 

Es ist eine Geschichte über Familie und Freundschaft, über die eigenen Wurzeln und eine Reise zu sich selbst. Für mich sprachlich wie inhaltlich ein ganz besonderes Buch und definitiv eine Leseempfehlung.

Geht's kurz und knapp? Dass Udo Lindenberg das Buch mochte, wundert mich nicht. Das passt hervorragend. Bei mir zählt dieser Roman zu den Jahres-Highlights. 

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