Eine Mesalliance

Brookner, Anita


Roman

Aus dem Engl. von Herbert Schlüter
Eisele Verlag, 2021
ISBN: 978-3-96161-118-8
268 S. 



Darum geht's
: Nach zwanzig Ehejahren wird Blanche Vernon von ihrem Mann Bertie verlassen. Er hat sich für seine junge Freundin Mousie entschieden. Weiterhin besucht er Blanche in unregelmäßigen Abständen in ihrer gemeinsamen Wohnung. Blanches eiserner Wille, Haltung zu bewahren, führt dazu, dass sie ihrer Umgebung nicht den Gefallen tut, zusammenzubrechen. Sie hält ihre Alltagsroutinen bei, so gut es geht, besucht häufiger das Museum und engagiert sich ehrenamtlich im Krankenhaus. Auch auf ihr Äußeres achtet sie penibel, um nicht den Anschein zu erwecken, sie würde sich in irgend einer Weise gehen lassen. Menschen, die das tun, verurteilt sie aufs schärfste. Darüber hinaus versucht sie, nicht zu früh am Tag und nicht allzu oft zum Weinglas zu greifen, was ihr nicht ganz so gut gelingt. 

Eines Tages fällt ihr im Krankenhaus ein kleines Mädchen auf, das nicht spricht und mit einer Mutter da ist, die sehr viel spricht. Die gut gelaunt ist und vereinnahmend. Diese sonderbare Konstellation - sollte doch eigentlich das Kind quirlig sein und nicht die Mutter - weckt ihr Interesse. Sie lernt die beiden kennen, erfährt, dass es sich dabei um Stieftochter und Stiefmutter handelt, und dass der Mann für mehrere Monate im Ausland unterwegs ist um Geld zu verdienen. Sally, die Stiefmutter ist in all ihren Eigenschaften das genaue Gegenteil von Blanche und diese versucht zu verstehen, wie man so leben kann. Wie man so nonchalant sein kann und dabei trotzdem auf eine eigene Art und Weise elegant. Blanche versucht nicht nur finanziell zu helfen und den beiden unter die Arme zu greifen, was sie letztlich aus ihrem eigenen Gleichwicht zu werfen droht. 

"Blanche, die mit ihrem Verlangen, anderen von Nutzen zu sein, so gut wie nie Erfolg gehabt hatte, wünschte sich dennoch nach wie vor, anderen helfen zu können, denn sie hatte unter ihrem ersten Verstoß gegen ihre Pflichten mehr gelitten, als sie wusste. Zwar hatte Bertie ihre Bemühungen um ihn akzeptiert, aber er hatte sie nicht wirklich wichtig genommen." (S. 98)

So geht's mir dabei: Das Buch ist bereits in den 1980er Jahren in England erschienen. Die Sprache und Erzählweise aber auch die Gedankenwelt von Blanche lassen eigentlich ein noch früheres Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts vermuten. Diese konsequente Unterwürfigkeit von Blanche hat mich teilweise wirklich genervt. Sie ist so hart mit sich selbst und ihren Gefühlen und ich frage mich, warum sie diese Stärke nicht zu ihrem eigenen Vorteil einsetzen konnte. Ihr Leben ist von einer Melancholie überschattet, aus der sie nicht ausbrechen kann. Ihre Feinfühligkeit und ihre gefühlvolle Seite, ihre Verletzlichkeit kommt eigentlich nur in kurzen Momenten mit dem kleinen Kind zum Vorschein und man erahnt sie, wenn sie sich von Sally zu Dingen überreden lässt, die sie eigentlich nicht tun will, aber um des Helfens willen doch macht.

Der Schreibstil von Anita Brookner ist einzigartig. Ihre Sprache ist außergewöhnlich schön, nicht umsonst wurde sie 1984 mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Das Buch ist ein Portrait einer ganz außergewöhnlichen Frau, die uns von Seite zu Seite mehr ans Herz wächst, die wir durch die vielen inneren Monologe sehr gut kennenlernen, die wir einfach gern einmal in den Arm nehmen würden um ihr zu sagen, dass sie gut ist, wie sie ist und doch einmal aufhören soll, den Kampf für eine Gesellschaft zu kämpfen, die sich ohnehin nicht um sie schert. 

Auf diesen Roman muss man sich einlassen, muss sich die Zeit nehmen, denn es ist ein ruhiges und auch schwermütiges und dennoch auch ein kraftvolles und ermutigendes Buch mit subtilen Zwischentönen und einem mitunter eigenwilligen Humor. 

Geht's kurz und knapp? Das Portrait einer starken Frau in den 1980er Jahren, beschrieben in einer außerordentlich besonderen Sprache.


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Vielen Dank dem wundervollen Eisele Verlag für das Rezensionsexemplar. 

 



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