Großwildjäger

Die wahre Geschichte eines kleinen großen Kämpfers


Ammer, Karin

Roman

Verlag Nina Roiter, Linz, 2020

ISBN: 978-3-903250-41-3



Darum geht's: Als Anita und Tom ihr erstes Baby bekommen, steht die Welt erst mal still. Sie können ihr Glück nicht fassen und sind voll unbändiger Vorfreude, den Sohn nach den wenigen Tagen im Krankenhaus endlich mit nach Hause nehmen zu können. Doch bei der abschließenden Untersuchung bemerkt die Ärztin, dass etwas nicht stimmt. Sie kann in den Leisten des Babys keinen Puls fühlen und holt sofort eine Kardiologin. Diese bestätigt den Verdacht eines Herzproblems und Mama und Baby werden sofort in die Kinderklinik verlegt. Dort muss das Baby mehrere Untersuchungen über sich ergehen lassen. Das vier Tag alte Geschöpf, soll dabei möglichst ruhig halten:

"Stillen Sie ihn, er muss bei den Untersuchungen ruhig sein" (S. 31)

Schnell wird klar, dass der kleine Kurt mehrere Herzfehler hat. Die Aorta hat eine Schmalstelle, weswegen zu wenig Blut fließen und zirkulieren kann. Außerdem wurden zwei Löcher in Kurts Herz festgestellt und noch dazu münden die Lungenvenen falsch und führen am Herz vorbei. Die Eltern sind fassungslos. Es war eine so problemlose Schwangerschaft und auch die Untersuchung nach der Geburt war in Ordnung. Nie hatten sie daran gedacht, dass etwas nicht stimmen könnte. Und nun bekommen sie diese Diagnose, wissen nicht, wie sie überstehen sollen, was jetzt folgt und wissen in Wahrheit nicht einmal, was jetzt folgen wird. Anita und Toms Baby muss auf der Intensivstation bleiben und mit einem Medikament wird versucht, diese Aorta Verengung zu öffnen, gelingt dies nicht, muss Kurt am nächsten Tag sofort operiert werden. Er wird notgetauft und dann tatsächlich am fünften Tag seines Lebens zum ersten Mal operiert. Gut zwei Wochen später folgt schon die nächste Operation. Monate lang muss Kurt auf der Intensivstation bleiben, während in dieser ganzen Zeit "leider kein Eltern-Kind-Zimmer frei ist". Anita kann also nur 2x täglich zu ihm. Dazwischen muss sie immer wieder nach Hause, um Milch abzupumpen, damit der kleine Kämpfer wenigstens die wertvolle Muttermilch erhält. 

"Meine Tage gleichen einander. Aufstehen, Abpumpen, Klinik, Abpumpen, Klinik, Abpumpen und am Abend falle ich todmüde ins Bett, ohne aufgrund der vielen Unterbrechungen Kraft finden zu können. Aber untertags bin ich erstaunlich fit." (S. 137)

So geht's mir dabei: Wie schon der Untertitel verrät, ist es eine wahre Geschichte. Außerdem hatte ich vor Erscheinen des Buches ein wenig Kontakt mit der Autorin, deren Schwester und ich eine gemeinsame Freundin haben. Diese beiden Tatsachen haben das Leseerlebnis sehr persönlich gemacht. Ich habe Karin Ammer zwar noch nie getroffen, doch habe ich das Gefühl, sie zu kennen und jetzt nach der Lektüre dieser Geschichte noch viel mehr. 

Ich kann nicht glauben, wie es ihnen ergangen ist. Natürlich weiß ich, dass immer wieder Babys auf die Welt kommen, die gesundheitliche Probleme haben. Aber dann noch diese unerträglichen Rahmenbedingungen, die das Unglaubliche noch schwieriger machten. Die Protagonistin Anita ist wochenlang krank. Schon vor der Geburt ist sie verkühlt und erholt sich eine gefühlte Ewigkeit nicht von ihrem starken Husten. Was natürlich bedeutet, dass sie nie ohne Desinfektion und Mundschutz auf die Intensivstation zu ihrem Baby darf. Eltern-Kind-Zimmer ist auch nie eines frei. Sie steht in den Weihnachtsfeiertagen auf einer fast leeren Intensivstation und kann nicht fassen, dass alle Eltern-Kind-Zimmer belegt sein sollen. Eine Schwester sagt ihr so beiläufig, dass sie seit Tagen ihre abgepumpte Milch wegleeren, weil diese verkeimt sei. Als ich das gelesen habe, war ich dermaßen sprachlos, dass ich am liebsten in der Klinik angerufen hätte, um zu fragen, ob's eigentlich noch geht? Ich weiß nicht was da los war. Wo war denn bitte die Empathie? Wie hat man ihr und ihnen denn alles noch so viel schwerer machen können, als es ohnehin schon war? 

Geschrieben hat Karin Ammer das Buch, weil es ein Herzenswunsch von ihr ist, dass die Menschen mehr schätzen, was sie haben. Sie möchte mit der Geschichte erreichen, dass man die Kleinigkeiten, die man oft als Alltagsprobleme bezeichnet, vergisst oder zumindest weniger ernst nimmt und sich darauf besinnt, was zählt. Dieses Ziel erreicht sie meiner Meinung nach bei ihren Leser*innen auf jeden Fall. Bei mir ist es definitiv so. Man kann gar nicht anders, als seine Liebsten in den Arm zu nehmen und dankbar zu sein, für deren Gesundheit, nachdem man diese Geschichte gelesen hat.

Mich hat der Roman tief berührt und ich konnte das Buch nicht aus den Händen legen, weil ich mit Anita, Tom und Kurt mitgefiebert habe. Die Autorin beschreibt auf sehr nüchterne Weise, was damals geschehen ist. Pathetisch wird sie niemals. Überdramatisiert wird nicht. Ihre Gefühle kann sie dabei aber unheimlich gut in Worte fassen: 

"Mein erster Alltag als Mutter, mit Schläuchen, Kabeln und mit Schmetterlingen im Bauch." (S. 144)

Achtung Spoiler!!!

Ich konnte dieses Buch nur lesen, weil ich vorher wusste, dass es gut ausgeht. Dass sich Kurt von allem erholt hat, heute 17 Jahre und gesund und munter ist. Sonst hätte ich die Geschichte nicht aushalten können. Die Eltern haben in diesen ersten Monaten Übermenschliches geleistet und sind für mich - genauso wie ihr Sohn - wahre Held*innen. 

Dass ich von der Autorin im Vorwort des Buches mit meinem Blog erwähnt wurde, ehrt mich auf ganz besondere Weise. Vielen Dank dafür liebe Karin. Und herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Geht's kurz und knapp? Eine Geschichte über ein Baby, das ums Überleben kämpft. Eine Geschichte, die einen nachdenklich stimmt und den Wert des Lebens erkennen lässt. 

Willst du dich auf dieses Buch einlassen und mit Anita und Tom mitfiebern? Hier kannst du das Buch direkt bei der Tyrolia bestellen. Ein Euro jedes verkauften Buches wird dabei an Herzkinder Österreich gespendet. Herzlichen Dank dafür! 



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der Zopf

Je tiefer das Wasser

Hasenkind