Der Sinn des Ganzen

Tyler, Anne


Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger
Roman
Kein & Aber Verlag, 2020
ISBN: 978-3-0369-5820-0
220 S. 


Darum geht's: Micah Mortimer ist ein Mann, der Regelmäßigkeit zu schätzen weiß. Sein Tages- und auch sein Wochenablauf sind strukturiert. Er mag es, zu wissen, wann er laufen geht, wann er seine Wohnung saugt, wann der Zeitpunkt ist, die Böden zu wischen und dergleichen mehr. Sein Geld verdient er mit seinem eigenen kleinen Unternehmen. Als ehemaliger Mitarbeiter einer IT-Firma ist er auf diesem Gebiet sehr versiert und hilft, wenn Menschen kleinere Reparaturen benötigen. Das bezieht sich manchmal auch nur darauf, das Gerät einmal neu zu starten. Bei manchen Kund*innen kann man sich außerdem nicht so ganz sicher sein, ob sie nicht einfach gern einen Plausch am Vormittag halten, weil sie sonst eher einsam wären. Außerdem ist er als Hausmeister für das Mietshaus tätig, in dem er dafür kostenfrei wohnt. Cass ist seine Lebensgefährtin. Sie ist Lehrerin und wohnt in ihrer eigenen Wohnung. Es ist nicht die leidenschaftlichste aller Beziehungen aber sie können gut miteinander und mögen sich gern. Wenn es nach Micah ginge, könnte das Leben einfach weiterhin so dahinplätschern. Ihm geht es gut damit. Doch dann geschehen doch Dinge, die diese Ordnung ein wenig ins Wanken bringen. Plötzlich steht ein Junge vor der Tür, der behauptet, Micah wäre sein Vater. Und Cass droht aus ihrer Wohnung rausgeworfen zu werden. Während Micah ihr gut zuredet und meint, sie solle doch erst einmal abwarten, ob das wirklich der Fall sein würde, ist Cass maßlos enttäuscht, weil er nicht prompt vorgeschlagen hatte, dass sie im Falle zu ihm ziehen solle, während ein wildfremder Bursche, der Sohn einer Exfreundin, plötzlich im Gästezimmer schläft. 

"Willst du nicht über Nacht bleiben?"
"Nein, du hast schließlich einen Gast." Sie nahm ihren Anorak von der Stuhllehne und zog ihn an. 
"Aber das ändert doch nichts." Er umschlang sie von hinten mit den Armen und schmiegte sein Gesicht an ihren Nacken, genau an die warme Stelle, die wie für seine Nasenspitze gemacht war. "Ich hatte mich schon auf ein bisschen Kuscheln gefreut", murmelte er. 
Cass befreite sich aus seiner Umarmung und ging zur Tür.
(S. 60)

So geht's mir dabei: Es ist ein ruhiges Buch, das Anne Tyler hier geschrieben hat. Großes Drama bleibt aus. Eher ist es ein Detailblick auf eine Handvoll Menschen und ihren Alltag. Wenn man das Dasein von Micah in wenigen Sätzen beschreibt, könnte man meinen, er wäre ein Versager. Aber diese Annahme lässt die Autorin mit ihrer nuancierten Sprache nicht zu. Sie beschreibt den Alltag ihres Protagonisten wertfrei. Sie sieht ihn mit gutmütigen, wenn nicht liebevollen Augen. "So ist er eben, der Mica", meint man, sie sagen zu hören. 

Dass es nicht die große Katastrophe braucht, um das Leben eines derart strukturierten Menschen durcheinanderzubringen, ist klar. Und seine Unfähigkeit, auf irgend eine Weise zu reagieren, wenn die Ordnung bröckelt, Gefühle zu- oder gar rauszulassen, ist schmerzhaft für den*die Leser*in. Da würde man ihm nicht ungern einen Schubser geben. 

Für mich besticht dieser Roman durch seine Realistik. Es ist ein Blick auf den Ausschnitt eines Lebens, auf einen Mann, auf seine Familie. Ich fand Geschichten, die aus dem Leben sind oder sein könnten schon immer am interessantesten und so habe ich auch dieses Buch gern gelesen. Die vier aufgeweckten Schwestern von Micah samt Ehemännern und Kindern kann ich mir lebhaft vorstellen, das Chaos sehe ich vor Augen und auch in Cass habe ich mich richtiggehend hineinfühlen können und das, obwohl die Autorin so wenige Worte verwendet. Aber wie im Zitat weiter oben, ist mir sonnenklar, welche Stimmlage sie hat, was sie fühlt, und wie es ihr dabei geht, wenn sie sich zB aus seiner Umarmung befreit und zur Tür geht. (s.o.) 

Übrigens: Der Originaltitel lautet Redhead by the Side of the Road und ich finde, dieser Titel hat die liebevolle Stimmung, die sich durch das ganze Buch zieht, inklusive des Schmunzelns über die Protagonisten, schon im richtigen Tonfall verinnerlicht. (Im Gegensatz zum deutschen Titel, der mir viel zu pathetisch ist.) 

Geht's kurz und knapp? Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für alle, die nicht so viel Drama brauchen und nach einer ruhigen Geschichte für Zwischendurch suchen. 

In Zeiten wie diesen sind so leise Romane oft genau das Richtige. Am besten du bestellst ihn dir gleich über diesen Link bei der Tyrolia und unterstützt damit den stationären Buchhandel und meinen Blog. Vielen Dank dafür. 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der Zopf

Xund und kinderleicht

Je tiefer das Wasser