Leichte Böden

Fuchs, David


Roman


Haymon Verlag, 2020
ISBN: 978-3-7099-3492-0
207 Seiten



Darum geht's: "Alt werden ist nichts für Feiglinge!" - so steht es auf dem Buch und wie das gemeint ist, erfährt man in der Geschichte rund um Daniel, seine Tante Klara, seinen Onkel Alfred und deren Mitbewohner Heinz. Heinz ist der Vater von Maria, die nebenan wohnt und die Daniel aus Kinder- und Jugendtagen kennt. Viel Zeit hat er damals hier bei Tante Klara verbracht, doch dann kam der Alltag dazwischen und nun ist es viele Jahre her, dass er zum letzten Mal hier war. Zu viel Stress im Alltag und in der spärlichen Freizeit keine Lust - das hat ihn an einem Besuch gehindert. 

Nun ist er wieder hier - nur für einen kurzen Besuch, um seinen Porsche abzuholen, den er hier in der Garage untergestellt hat. Doch bei einem Kurzbesuch bleibt es nicht. Die Zustände, in denen er seine Tante und den Onkel vorfindet, bereiten ihm Sorgen. Onkel Alfred ist dement, Heinz kann nach einer Krebserkrankung nur noch mit einem Sprachcomputer kommunizieren, mit seiner Tochter scheint er nicht zu sprechen - oder sie nicht mit ihm. Und Klara kümmert sich um alles und alle, dabei ist es offensichtlich für Daniel, dass dies viel zu beschwerlich für sie ist. 

Onkel Alfred wird nachts in einem Zimmer eingesperrt, damit er nicht durchs dunkle Haus irrt und sich verletzt, dabei hält er das kaum aus und schreit in dem Zimmer bis er vor Erschöpfung einschläft. Für Daniel ist klar, er muss hier helfen, muss seinen Angehörigen das Leben erleichtern. Es braucht eine Pflegekraft oder eine andere Unterstützung, damit es ihnen besser geht. 

Allerdings wollen die Betroffenen gar keine Hilfe. Sie kommen gut zurecht, finden sie, und wollen sich nicht von Daniel bevormunden lassen. Daniel stößt an seine Grenzen, er weiß nicht, wie er ihnen helfen soll, ohne ihnen ihre Autonomie zu rauben. Auch Maria ist ihm keine große Hilfe, sie findet er soll sich nicht zu sehr einmischen. Lieber ist ihr, wenn er alles dabei belässt und seine Zeit mit ihr verbringt. Zwischen ihr und Daniel werden Gefühle wach. Maria ist viel alleine und sehr einsam. Doch irgendwie gerät plötzlich alles ins Wanken und bringt den Alltag von allen durcheinander. 
"Ich komme nicht gut ins Mansardenzimmer, und ich muss ihn jeden Tag ins Bett bringen und umziehen, das schaffe ich nicht mehr."
"Mit ein bisschen Hilfe könnte es gehen. Die Pflegerin könnte das Babyphon haben und nach ihm sehen."
"Klara will das nicht", sagt Maria. 
"Aber es geht doch so nicht weiter!"
"Tut, was ihr wollt, mit dem Babyphon", sagt Klara, "aber ins Haus kommt mir niemand. Ich weiß auch nicht, wozu du das machst. Es geht ihm gut in der Nacht. Nur manchmal träumt er schlecht, der Papa, nicht wahr?"
"Ja genau", sagt Alfred.
"Du kannst damit machen, was du willst, aber es kommt mir nicht ins Zimmer."
Das war leichter als erwartet. Ich dachte mir, dass sie sich mehr wehren würde. 
(S. 80ff)
So geht's mir dabei: David Fuchs hat einen Roman zu unglaublich schwermütigen und bedrückenden Themen geschrieben. Es geht ums Älterwerden, um Krankheit, um Kontrollverlust, um den Verlust der Eigenständigkeit und ganz nebenbei noch um innerfamiliäre Tragödien. Dabei ist es dem Autor gelungen, die Schwere aus dem Buch heraußen zu lassen. Wie er das geschafft hat, ist mir ein Rätsel, denn er spart an manchen Stellen nicht mit Details. Und trotzdem liest man diesen Roman leicht und entspannt durch, ohne dabei trübsinnig zu werden, teilweise sogar mit einem Schmunzeln und bei der Szene als Daniel mit Maria den Abfluss in der Küche reinigt, habe ich lauthals gelacht. Passiert mir auch nicht bei jedem Buch. 

Der Autor ist Onkologe und Palliativmediziner, daher wohl auch das Einfühlungsvermögen, das er für diese Themen an den Tag legt und die Leichtigkeit, mit der er darüber schreiben kann. In seiner klaren Sprache verbindet er Nähe und Distanz auf brillante Weise und bleibt trotz der Ironie stets behutsam und einfühlsam.

Geht's kurz und knapp? Ein Buch über das Älterwerden in all seinen Facetten, das ich sehr gerne gelesen habe. Klare Leseempfehlung. 

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Vielen Dank an den Haymon Verlag für das Rezensionsexemplar


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