Elijas Lied

Lasker-Berlin, Amanda

Roman

Frankfurter Verlagsanstalt, 2020
ISBN: 978-3-627-00274-9
252 S.

Vielen Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.



Darum geht's: 3 Schwestern machen gemeinsam eine Wanderung. Loth, Noa und Elija. Es sind 3 Lebensentwürfe, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Elija wurde mit Trisomie 21 geboren. Sie ist die älteste der drei Schwestern. Sie wohnt mit ihrem Freund Mio zusammen und ist Schauspielerin an einem Theater. Auch Mio hat eine Beeinträchtigung aber gemeinsam, meistern sie ihren Alltag gut und schaffen vieles. Noa hat mehrere Jobs. Sie arbeitet in einer Kantine, in der Akim mittags zum Essen kommt, wenn er nicht geschäftlich auswärts isst. Akim möchte mit Noa zusammen sein. Er schätzt ihre Klugheit und ihre Schönheit. Doch er kommt nicht damit klar, dass sie noch einen zweiten Job hat. Einen, über den sie mit niemandem reden kann. Über den sie aber ab und zu reden müsste, weil es aufwühlend ist, was sie hier erlebt. Dieser zweite Job treibt einen Keil zwischen die beiden. Aber Noa kann nicht anders, als auch diese Arbeit zu erledigen.
Loth - eine Schönheit, die ihren Körper kasteit, wohnt in einer patriotischen Hausgemeinschaft in Halle um dort für die rechtsradikale Bewegung zu kämpfen. Sie organisieren Demos, laden rechtes Gedankengut per Youtube-Videos ins Internet, halten Reden, singen Lieder. Ihre Idee war es, mit den beiden Schwestern einen Tag im Moor zu wandern. Mit den Schwestern, zu denen sie so gut wie keinen Kontakt mehr hat. Im Moor, in dem sie früher mit den Eltern oft gewandert sind. Das viele Erinnerungen bereithält. Um wieder eine Verbindung zu einander aufzubauen. Sie wandern los und die 3 sind auf dem Weg die meiste Zeit mit Gedanken über ihr eigenes Leben beschäftigt und weniger mit den Schwestern oder gar der Beziehung zueinander. Sie brauchen länger für die Wanderung, als sie geplant hatten. Und irgendwie läuft alles aus dem Ruder, als es immer später und später wird.

"Der Abstieg ist leichter. Weil die Hände ineinanderliegen. Elija ist abgestützt. Auf Noas Schulter und auf Loths. Elija muss nur die Füße absetzen. Noa zeigt ihr die Felsbrocken, auf die sie sie stellen kann. Und Loth fängt Elija ab, wenn sie strauchelt. Zu dritt geht es gut, wundert sich Noa. Sie hätte gedacht, dass sie so leichter fallen würden. Aber sie geben sich Halt." (S. 176)

So geht's mir dabei: Eindeutig keine Wohlfühllektüre. Das Buch geht unter die Haut. Es nervt, berührt, ärgert, trifft einen. Die erste Hälfte des Romans ist schwerer zu lesen. Es erinnert tatsächlich an einen Aufstieg beim Wandern, bei dem man nur langsam voran kommt. Man lernt nach und nach die 3 Schwestern kennen aber erst nur fragmentarisch. Das Puzzle muss sich erst noch weiter zusammenfügen um sich ein Bild machen zu können. Dabei habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass endlich Interaktion passiert. Nicht nur so ein bisschen sondern wirklich und viel. Dass die drei nicht so viel über sich nachdenken, sondern miteinander reden. Andererseits frage ich mich jetzt, ob es dann überhaupt möglich gewesen wäre, weiter zu wandern. Die Klüfte zwischen den Schwestern sind dermaßen tief. Sind die überhaupt überwindbar? Als Leserin versucht man tolerant zu sein. Versucht zu verstehen. Versucht, nicht zu verurteilen. Mir ist es nicht gelungen. Nicht mit Loth. Noa habe ich einfach nicht verstehen können. Konnte mich nicht hineinversetzen und konnte nicht nachvollziehen. Und Elija habe ich einfach nur bewundert. Für ihre unfassbare Stärke auf der Bühne. Hier spielt sie eine Mutter, im echten Leben kann sie keine sein und das kann sie nicht verkraften. Es schmerzt sie so sehr.

In der zweiten Hälfte des Romans, bekommt die Geschichte mehr Schwung. Es geht schneller. Es tut sich mehr. Wahrscheinlich weil es bei der Wanderung bergab geht. Und es geht tatsächlich bergab...

Was mich so berührt hat, waren die Berührungen. Wie selbstverständlich die physischen Berührungen untereinander stattfinden, obwohl sie sich sonst so gar nicht nahe sind. Das hat mir teilweise richtig weh getan und ich kann beinahe nicht beschreiben, was das mit mir gemacht hat.

Wie gesagt, es ist keine Wohlfühllektüre. Es ist ein Buch über 3 Außenseiterin. Über Themen, die man gerne von sich weg schiebt. Über Personen, mit denen man doch besser nichts zu tun haben will. Mit denen man sich nicht identifizieren kann. Außer mit Elija. Sie muss man einfach lieb haben. Sie will man gern in den Arm nehmen. Mit ihr möchte man lachen. Und gerade das ärgert Loth so sehr. Das macht sie so wütend. Denn Elija ist doch diejenige, die behindert ist. Die ihrer Meinung nach kein Recht hat, auf dieser Welt zu sein.

Geht's kurz und knapp? Das Buch geht dermaßen unter die Haut. So sehr, wie es nur Literatur kann. Amanda Lasker-Berlin hat ein fulminantes Debüt geschrieben. Ich bin froh, dass das Buch ausgelesen ist. Es hat mich so mitgenommen. Und ich bin froh, dass ich es gelesen habe. Es hat meinen Horizont erweitert.

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