Rückwärtswalzer

oder die Manen der Familie Prischinger
Kaiser, Vea


Roman

Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2019
ISBN: 978-3-462-05142-1



Darum geht's: Onkel Willi ist tot. Dabei war seine Partnerin, Tante Hedi, immer der Meinung, dass sie vor ihm stirbt. Aus diesem Grund hat sie wohl zu leichtfertig versprochen, Willis Leichnam in Montenegro zu begraben, wenn es soweit ist. Der Leichentransport von Wien nach Montenegro kostet aber mehrere tausend Euro. Diese hat natürlich keiner. Das heißt, Willi hätte sie schon gehabt, aber Hedi hat ohne sein Wissen sein Geld in den veganen Online-Shop der gemeinsamen Tochter investiert. Nun muss sie also selbst schauen, wie sie Willi nach Montenegro fährt. Sie und ihre beiden Schwestern Mirl und Wetti können allerdings nicht selbst fahren. Aber ihr Neffe Lorenz, der aus finanziellen Gründen gerade bei Hedi wohnt, ist zweifelsfrei in der Lage, den Onkel im Panda von Wien an den Balkan zu fahren. Richtig begeistert ist er von der Idee, mit seinen 3 in die Jahre gekommenen Tanten am Rücksitz, ihren schwachen Blasen und dem Hang zur Unterzuckerung nach 2 Stunden Essenspause UND dem toten und eingefrorenen Onkel Willi am Beifahrersitz über 1000 km nach Süden zu fahren, eigentlich nicht. Aber auskommen tut er auch nicht. Es ist beschlossene Sache, längst bevor er zugestimmt hat, in den Panda zu steigen.

"Du bist ein sehr guter Autofahrer, Bub, kannst Englisch und den Willi locker ins Auto heben", sagte Mirl.
"Ich?", sagte Lorenz.
"Na wer denn sonst!", entgegnete Mirl. (...)
"Du warst für ihn wie ein Sohn, Lorenz. Er war immer für dich da. Du kannst ihm seinen letzten Wunsch nicht abschlagen", sagte Hedi leise.
"Aber hat nicht Onkel Willi Geld für diese Überführung gespart? Er hat doch ein Begräbnissparbuch mit zehntausend Euro?"
Die Schwestern schwiegen die Tischplatte an. (S. 152)
Schließlich ist der Zeitpunkt der Abreise gekommen und ein Roadtrip der ganz besonderen Art beginnt.

So geht's mir dabei: Wow!! Was für ein geniales Buch. Vea Kaiser ist mit diesem Roman ein wirkliches Meisterwerk gelungen. Es ist berührend, witzig, traurig, klug, politisch, heiter, stimmt nachdenklich und immer immer wieder muss man schmunzeln. Die einzelnen Charaktere muss man einfach in sein Herz schließen. Und es geht mir mit dem Buch so, wie es mir nur mit richtig guten Büchern geht: Ich vermisse die Personen, seit ich es ausgelesen habe. Mir sind die 3 Tanten dermaßen ans Herz gewachsen. Ich bin richtig traurig, dass sie mich nicht mehr begleiten.

In dem Roman der österreichischen Autorin lernt man nicht nur Lorenz, seine Tanten und Onkel Willi kennen, sondern erfährt auch viel aus den Leben der jeweiligen Familien mit all ihren Geheimnissen und Besonderheiten. Und da gibt es einige. Und es ist mir einfach ein Rätsel, wie man sich derartig geniale Verstrickungen und Ereignisse ausdenken kann. Wirklich wirklich genial.

Die Kapitel sind ein Mix aus den Ereignissen um Lorenz, sein Beziehungsende, sein finanzielles Scheitern und seinen Umzug zu Tante Hedi und Onkel Willi, der kurz darauf stirbt, woraufhin oben beschriebener Roadtrip beginnt und aus verschiedenen Rückblicken zu Geschichten der einzelnen Protagonist*innen. Man erfährt, wie Onkel Willi aufwuchs und wie er nach Wien gekommen ist. Man lernt alle 3 Tanten und ihren Werdegang kennen, nach jenem unvergesslichen Ereignis in ihrem Heimatdorf in Niederösterreich, an dem die Familie beinahe zu zerbrechen drohte. Auch erfährt man, wie sie aufgewachsen sind und welche Dinge sie geprägt haben und warum der Kontakt zu ihrem Bruder Sepp, Lorenz' Vater so spärlich ist.

Einige Geheimnisse werden erst im Auto auf der Fahrt nach Montenegro gelüftet. Und es stellt sich heraus, es gibt Geschichten, die dazu da sind, sie zu erzählen und solche, die man nicht mehr unbedingt erzählen muss oder will.

Geht's kurz und knapp? Eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Lass dir diese wundervolle Familie Prischinger und den liebenswürdigen Onkel Willi nicht entgehen. Es ist ein Erlebnis, sie alle kennen zu lernen.

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Auf jeden Fall: #buylocal







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