Mein Sommer mit Anja

Schroeder, Steffen

Roman

Rowohlt Berlin Verlag, Februar 2020
978-3-7371-0071-7

Vielen Dank rohwohlt Berlin für das Rezensionsexemplar.



Darum geht's: Holger und Konrad sind Freunde. Sie sind zwei Jugendliche, die in den 80er Jahren ihre Sommerferien damit verbringen, ins Freibad zu gehen, dort Flaschen zu sammeln um das Pfand zu erhalten, damit sie sich ein Eis kaufen können und verstecken zu spielen. Holger wird in diesem Sommer 18, ist aber geistig zurückgeblieben. Konni wurde mehr oder weniger zufällig sein Freund. Da er aber nicht zu den "coolen Kids" gehört, wie sein Bruder und deren Freunde, verbringt er seine Zeit gerne mit Holger. Manchmal treibt er seine Spielchen mit ihm, weil es ihn fasziniert, welche Emotionen er bei Holger auslösen kann. All zuweit geht er dabei aber nie. Verletzen möchte er seinen Freund auf keinen Fall.
"Ich schämte mich. Wie ein Freund hatte ich mich nicht gerade verhalten. Trotzdem stimmte ich nickend zu: 'Ich hab ihm doch geholfen!' Und gab zu verstehen, dass ich der Einzige in der Runde gewesen war, der zu ihm gehalten hatte." (S.15)
Wenn sie nicht im Freibad sind, treiben sich die Jungs am nahe gelegenen Flussufer herum, bauen dort Verstecke, beobachten Tiere, lassen die Füße ins kalte Wasser hängen. Eines Tages taucht plötzlich ein Mädchen am Flussufer auf. Anja. Sie hat kurze Haare, eigenartige Klamotten, einen Arm voller Verletzungen und ist generell anders, als die Mädchen, die sie aus der Schule kennen. Ihr Umgang mit Holger ist sofort vertraut. Seine geistige Beeinträchtigung scheint sie nicht im Geringsten zu verunsichern. Zu Konrad ist sie distanzierter, was dazu führt, dass dieser sich sogar wünscht, auch eine Behinderung zu haben.
Schnell stellt sich heraus, dass Anja am Flussufer wohnt. Sie ist aus dem nahe gelegenen Kinderheim abgehauen, weil es dort für sie nicht mehr auszuhalten war. Holger und Konrad halten Anja also geheim, bringen ihr Essen und versuchen, auf sie aufzupassen. Das erweist sich teilweise aber als sehr schwierig, weil Anja selbst oft draufgängerisch ist. Sie ist mutiger als Konni. Und sie hat keine Eltern, die ihr sagen, wann sie wo zu sein hat.
Anja und Konni kommen sich immer näher, was bei Holger zu Eifersucht führt. Außerdem zwängt sich unweigerlich die Frage auf, wo das hinführen soll? Wie es weitergehen soll? Und plötzlich ist Konrads Leben voller Sorgen und neuer Gefühle, dabei will er einfach den Sommer genießen und frei sein und leicht sein und sorgenfrei...

"Anja griff nach meiner Hand, richtig fest hielt sie sie, ihre Hand trocken, meine warm und feucht. Ich wagte kaum zu atmen. Nur einmal kurz sahen wir uns an, und ich erkannt die Angst in ihren Augen. Anstatt ebenfalls in Panik zu verfallen, wurde ich, sonst ein echter Angsthase, ganz ruhig." (S. 163)

So geht's mir dabei: Zwei Jungs, ein Mädchen, eine Liebesgeschichte. Das klingt fürs Erste gar nicht spannend und doch dachte ich mir: Das ist 'mal etwas anderes. Zumindest anders, als das, was ich sonst so lese. Und das war es auch. Ich lese selten Bücher über Jugendliche. Dabei gefallen mir diese meist richtig gut. So war es auch bei dem Roman des Schauspielers Steffen Schroeder.
Er nimmt die Leser*innen mit auf eine Zeitreise in das München der 80er Jahre. Und diese Atmosphäre vermittelt er in seinem Roman auf eine wunderbare, authentische und ehrliche Weise.
Die 3 Jugendlichen verkörpern viele Empfindungen und Verhaltensweisen, die der Jugend vorbehalten sind. Man spürt die Unsicherheit beim Erwachsenwerden. Man versteht die schwierige Situation, in diesem Alter mit Andersartigkeit umzugehen. Man kann nachvollziehen, warum manchmal so gedacht und anders gehandelt wird.
Die Angst, die zarte Liebe, die Gefühle unter Freunden, die Eifersucht, die Traurigkeit, die Ratlosigkeit werden aufgeteilt auf 3 Jugendliche und viele verschiedene Situationen und sind deshalb unaufdringlich, unverschnörkelt und echt.

Es ist eine scheinbar leichte Lektüre mit ganz viel Tiefgang. Mit ganz vielen Themen, die wichtig sind, beim Prozess des Erwachsenwerdens. Mit Themen, die von Eltern und Erwachsenen angesprochen werden müssten. Mit Verhaltensweisen, die nicht geduldet werden sollten. Mit Ideologien, die überholt sein müssten, aber nach wie vor in vielen Köpfen herumschwirren. Es ist ein Buch, das nachwirkt, dessen Lesegefühl einem erhalten bleibt, auch wenn es längst ausgelesen wurde.

Geht's kurz und knapp? Du magst Romane über junge Erwachsene, über Andersartigkeit, Freundschaft, die erste Liebe, die erste Eifersucht, über das Erwachsenwerden? Dann ist das dein Buch. Es ist ehrlich, atmosphärisch, authentisch, echt.

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Tyrolia

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