Brief an Matilda

Camilleri, Andrea


Untertitel: Ein italienisches Leben

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki

Kindler/Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2019
(Originalausgabe erschien 2018 bei Giunti Editore S.p.A./Bompiani.)

126 S.

ISBN: 978-3-463-00002-2


Darum geht's: Während seine vierjährige Urenkelin in seinem Arbeitszimmer spielt, schreibt Camilleri ihr einen Brief über sein Leben. Er wird bald 92 Jahre alt und wird seiner Urenkelin nicht mehr von seinem Leben erzählen können, wenn sie alt genug ist, um alles zu verstehen. Dennoch möchte er gerne, dass sie einige Meilensteine aus seiner aufregenden Zeit hier auf Erden von ihm selbst erfährt. Denn sein Leben war kein langweiliges. Er blickt auf viele ereignisreiche Jahre zurück. Er erzählt aus seiner Jugend, wie es war in einem vom faschistischen Gedanken geprägten Italien auf die Welt zu kommen, warum er zum Kommunisten wurde, sobald er größere Zusammenhänge und Konsequenzen begriffen hat, sobald er klar denken konnte und sich sein Sinn für Gerechtigkeit zu Wort meldete. Er berichtet über die Jahre seiner Ausbildung und darüber, wer besonders großen Einfluss auf ihn und seine berufliche Karriere hatte. Er schreibt über seine Zeit beim Theater, seine Tätigkeit als Lehrer, warum er das Schreiben nie ganz aufgegeben hat und wie es zu seinem unglaublich großen Erfolg rund um Kommissar Montalbano kam.

"Während ich dir schreibe, Matilda, teilt der Verlag Sellerio mir mit, dass er allein in Italien gut achtzehn Millionen Exemplare meiner Montalbano-Romane verkauft hat." S. 85
Camilleri erzählt seiner Urenkelin in diesem Brief wie er ihre Urgroßmutter kennengelernt hat und sich in sie verliebt hat und von den gemeinsamen Kindern und Enkelkindern. Auch von dem erschütternden Erlebnis in seinem Heimatort auf Sizilien, wo die Mafia auf offener Straße Menschen erschießt und die Bevölkerung darüber nicht einmal mehr sonderlich erschrickt, berichtet er. Aber vor allem erklärt er politische Ereignisse, deren Hintergründe und Zusammenhänge und seine persönliche Sicht dazu.
"Warum ich dir das alles erzähle? Weil ich nicht weiß, ob Europa, wenn du diese Zeilen liest, verschwunden sein wird oder doch endlich zu seiner Einheit zurückgefunden hat." S. 105
So geht's mir dabei: Ich bin keine Krimileserin und habe Andrea Camilleri deshalb nicht gekannt. Als er im Sommer 2019 verstarb, kam mir sein Name zum ersten Mal unter und ich habe mich für diesen erfolgreichen Schriftsteller interessiert. Nachdem ich dieses Buch gelesen habe, muss ich sagen, er war ja so viel mehr als ein erfolgreicher Schriftsteller. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit Grundsätzen und Idealen, an denen er sein Leben lang festgehalten hat.

Ich verstehe nicht, wie man in so einem dünnen Buch - einem langen Brief - die Geschichte Italiens und diejenige von Europa seit dem zweiten Weltkrieg erzählen kann. Aber es ist ihm gelungen. Ich hatte einige Aha-Momente, weil Camilleri Ereignisse so klar sieht und dann noch so verständlich formuliert.

Auf jeder Seite des Buches finden sich Sätze, die ich mir anstreichen und herausschreiben will, Zitate die so klug sind, Lebensweisheiten die ich in mein Denken aufnehmen will.
"Nie habe ich der Vergangenheit nachgeweint, niemals den Satz gesagt, den viele betagte Menschen im Munde führen und der mit "Zu meiner Zeit..." beginnt. Im Gegenteil, ich glaube, das Alter schenkt mir einen gewissen Optimismus. Ich glaube an die Menschheit, ich habe Vertrauen in sie." S. 121
Ich habe dieses Buch über Andrea Camilleri sehr gern gelesen. Es war ein interessanter Einblick in sein Leben und in das Italien der letzten 90 Jahre.

Geht's kurz und knapp: Camilleri Fans können hier den Menschen kennen lernen, der Kommissar Montalbano erfunden hat. Wer Camilleri noch nicht kennt, kann das somit nachholen und wird überrascht sein. Er war ein Großer.

Danke an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.


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