Verwandlungen

Comensal, Jorge


Roman

Aus dem Spanischen von
Friederike von Criegern

Rowohlt Verlag, September 2019
205 S.
ISBN: 978-3-498-02541-0



Darum geht's: Ramón ist ein erfolgreicher Anwalt in Mexiko. Er führt eine glückliche Ehe und hat zwei gesunde Kinder im Teenager-Alter. Als er plötzlich einen stechenden Schmerz in seiner Zunge spürt, die wenige Stunden später durch einen Tumor gelähmt ist, ändert sich Ramóns Leben zur Gänze. Ihm muss die Zunge entfernt werden und so verliert der sprachgewandte Anwalt seine Stimme.

Die schmerzvolle Operation und Nachbehandlung raubt ihm zunehmend seine Energie. Seine Familie bemüht sich nach Kräften, ihm beizustehen, was sich als sehr schwierig herausstellt. Seine Tochter greift vor Kummer zu Süßigkeiten, was ihr zusätzlich das Leben in ihrer Schule erschwert. Sein Sohn zieht sich völlig zurück. Seine Frau versucht, die Rechtsanwaltskanzlei weiterzuführen und ihrem Mann beizustehen. Elodia, die Haushaltshilfe, die der Familie sehr nahe steht, bemüht sich ihrerseits mit der Situation klar zukommen. Sie ist es, die Ramón eines Tages, einem Instinkt folgend, den Papagei vom Markt mitbringt, der als einziger den zunehmend depressiven Patienten aufzuheitern vermag. Ramón lacht über die Schimpfworte, die der zerrupfte Papagei von sich gibt. Seine Schimpftiraden scheinen ihm aus der Seele zu sprechen, während er immer verzweifelter wird.

"Ich lebe vom Wort, davon, Menschen den Autoritäten gegenüber eine Stimme zu verleihen, um ihre Rechte zu schützen, Verantwortung einzufordern, Konflikte beizulegen. (...) Stumm bin ich einen Dreck wert, ich kann nicht tun, wofür ich da bin." S. 131

So geht's mir dabei: Eine sehr ergreifende Geschichte. Dieses einschneidende Schicksal wird in dem Buch aus mehreren Perspektiven beleuchtet.

So erfährt man nicht nur, wie es dem Protagonisten mit seiner Diagnose und der darauffolgenden Behandlung ergeht, sondern auch, was der Arzt im Hintergrund für Analysen ziehen will und welche Ziele er damit verfolgt. Und man lernt Teresa, die Therapeutin von Ramón, bereits kennen, bevor sie mit ihm zusammentrifft.

Dieser Perspektivenwechsel macht das Buch weniger emotional, als man erwarten könnte. Es erlaubt einem, Abstand zu nehmen, das medizinische zu betrachten, das Umfeld zu beobachten, die Reaktionen der anderen zu analysieren und die Verhaltensweise der Therapeutin einzuschätzen.

Der kurzweilige Schreibstil von Jorge Comensal und die kurzen Kapitel verbieten es, ins Dramatische wegzudriften und sich im Mitleid zu suhlen. Es ist eine flotte Erzählung mit harten Fakten, ohne Beschönigungen aber auch ohne Superlative bzgl. des Schicksalsschlages von Ramón und seiner Familie.

Es ist klar, dass es dem Autor vor allem auch darum geht, Einblick zu gewähren in die wirtschaftlichen Aspekte einer Diagnose, in die Tatsache, dass auch Therapeuten Supervision brauchen und nicht wie Maschinen funktionieren und in die Fakten, dass das engste Umfeld nicht zwingend den richtigen Weg findet, um mit einer solchen Veränderung umzugehen.

Geht's kurz und knapp? Ein gutes Buch, das einen nachdenklich stimmt und durch den Perspektivenwechsel AHA-Momente zulässt. Absolute Leseempfehlung meinerseits!

Danke an den Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar

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