Ein Leben und eine Nacht

Griffin, Anne

Roman
Aus dem Englischen von Martin Ruben Becker

Kindler Verlag, August 2019
ISBN: 978-3-463-40708-1

gelesen als Rowohlt e-Book



Darum geht's: Maurice Hannigan ist 84 Jahre alt. Er sitzt an einem Samstagabend an einer Hotelbar in einer irischen Kleinstadt und lässt sein ganzes Leben revue passieren. 5 Getränke nimmt er an diesem Abend zu sich. Mit jedem Drink erhebt er sein Glas auf einen besonders wichtigen Menschen in seinem Leben. Gedanklich befindet er sich dabei im Zwiegespräch mit seinem Sohn Kevin, der in Amerika lebt. Stellvertretend für so viele ungesagte Worte zwischen den beiden Männern während all der Jahre des Zusammenlebens, spricht Maurice an diesem Abend alles aus, was es zu sagen gibt.
"Hier ist es ganz ruhig. Keine Menschenseele. Nur ich ganz allein, mit mir selbst redend, in Vorfreude auf den ersten Schluck mit den Fingern auf den Tresen trommelnd, als hinge mein Leben davon ab." (S. 9)
Maurice erzählt von den prägendsten Erlebnissen seines Lebens. Von harten Zeiten in seiner Kindheit, in der er schwer arbeiten und viele Schläge von vermeintlich besser gestellten einstecken musste. Er erzählt von schmerzhaften Verlusten, die er bis ins hohe Alter nicht verwunden hat. Aber auch von der tiefen Liebe unter Geschwistern, von guten Lehrern und redlichen Eltern und von der Liebe und Verbundenheit zu seiner Ehefrau, deren Tod 2 Jahre zurück liegt.
"Niemand, niemand versteht wirklich etwas von Verlust, bis jemand geht, den man liebt. Und zwar mit dieser tiefen Liebe, die du bis in die Knochen spürst und die sich bis unter deine Fingernägel gräbt, so schwer zu bewegen wie festgetretene Erde. Und wenn sie fort ist ... Junge, es ist, als sei sie dir herausgerissen worden." (S. 176)
So geht's mir dabei: Was für eine traurige, berührende und ergreifende Lebensgeschichte. Man kann Maurice Hannigan förmlich sehen, wie er in der Hotelbar sitzt und vor sich hin murmelt. Hie und da ein Kopfschütteln, ein Lächeln, dann wieder glasige Augen und schließlich ein trauriges Gesicht.
Die Autorin schafft es, in harmlose Worte, so viel Gefühl zu legen, dass sie einen wirklich treffen. Ich werde wohl noch lange die Traurigkeit spüren, wenn ich höre, wie jemand "großer Mann" zu einem kleinen Jungen sagt, so, wie Maurice einst von seinem Bruder Tony genannt wurde.
Die Geschichte zeigt dem Leser auch, dass es niemals nur schwarz und weiß gibt. Ein aggressiver Junge, der andere Kinder quält ist nicht einfach nur ein aggressiver Junge, der andere Kinder quält. Es lohnt sich, hinzusehen und zu hinterfragen, woher das Verhalten kommt. Diese Erkenntnis ist heutzutage zum Glück nichts Neues mehr. Für Maurice hatte es wohl schon noch eine Bedeutung, dass er mit seinen 84 Jahren erfahren hat, dass die Schläge, die er als Halbwüchsiger abbekommen hat, nicht wirklich ihm galten.
Das Buch erzählt von einem ganzen Leben. Dementsprechend erfährt man von glücklichen und traurigen Zeiten. Es ist eine Familiengeschichte aus Irland, es ist eine Liebesgeschichte. Es ist auch ein Generationenroman.
Ich mag sowas zwischendurch. Außerdem mag ich Zeitsprünge in einem Buch. Und ich mag Irland. Die Geschichte von Maurice Hannigan passt perfekt in eine irische Bar an einem Samstagabend.

Geht's kurz und knapp? Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich kann es allen empfehlen, die gerne Lebens- und Familiengeschichten lesen.

Vielen Dank an den Verlag Rowohlt ebook für das Rezensionsexemplar.

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