Ja, wie jetzt?

Lehner, Angela
Vater unser


Darum geht's: Eva Gruber behauptet, eine Kindergartengruppe erschossen zu haben und wird ins Otto Wagner Spital (OWS), das psychiatrische Zentrum in Wien, eingeliefert. Eine Kindergartengruppe hat sie nicht erschossen und glaubt das auch selbst nicht, aber es war ein guter Weg, um in Bernhards Nähe zu kommen und zu bleiben.
'Ich ärgerer mich, dass mein Bruder nach all der Zeit nicht einmal kurz Smalltalk mit mir führen kann. 
"Warum bist du hier?", frage ich, und Bernhard dreht sich wieder zu Doktor Korb.
"Kannst du kein Deutsch?" Doktor Korb stellt sich anders hin, aber Bernhard reagiert nicht.
"Brauchst du einen Dolmetscher, oder was?", sag ich und merke selbst, wie ich wütend werde. 
"Hä?", rufe ich.' (S. 22)  

Bernhard ist also Evas jüngerer Bruder. Ein junger Mann der unter massiven Essstörungen leidet, immer wieder künstlich ernährt werden muss, um am Leben zu bleiben und der versucht, die Traumata seiner Kindheit zu überwinden.
Eva ist der Meinung, dass es Bernhard erst gut gehen wird, wenn sie gemeinsam den Vater umbringen, den sie für die Probleme, die sie und ihr Bruder haben, verantwortlich zeichnet. Bernhard will davon nichts hören und die Anwesenheit von Eva setzt ihm offenbar mehr zu, als dass sie ihm gut tun würde. Aber Eva findet Mittel und Wege, um sich ihrem Bruder anzunähern und so etwas wie Vertrauen aufzubauen oder zumindest eine Art Gesprächsbasis zu erschaffen. Bis sie ihn schließlich entführt, um ihren Worten Taten folgen zu lassen.

So geht's mir dabei: Ja. Wie geht's mir dabei? Mag ich Eva oder nicht? Verstehe ich, was sie sagt und macht? Checke ich, was wirklich vorgefallen ist im Leben von Bernhard und Eva? Hab ich das Ende verstanden? Die Antwort ist ein klares JAEIN. Eva könnte man einerseits schütteln und ohrfeigen und will sie andererseits umarmen und beschützen. Man findet sie manipulativ und beängstigend und dabei so zerbrechlich. Man will ihr die Last von den Schultern nehmen. Man will sie ignorieren. Sie wühlt einen ziemlich auf. Angela Lehner hat es geschafft, in eine sehr tragische Geschichte eine gehörige Portion Humor zu packen, weil man über Evas Eigenwilligkeiten einfach immer wieder schmunzeln muss. Aber andererseits hat mich die Autorin im Innersten aufgewühlt und ich war immer wieder gelähmt von meinem Mitgefühl für dieses Geschwisterpaar. Teilweise ist die Geschichte wirklich verwirrend. Man denkt, jetzt kommt endlich eine Aufklärung zu den Geschehnissen, dabei werden nur Häppchen hingeworfen, um den Leser bei Laune zu halten.

Man verliert den Überblick über Wahrheit und Lüge, über Wohlwollen und Intrige. Als ich die letzten Zeilen gelesen hatte, war ich eines: verwirrt. Am liebsten hätte ich sofort andere Leser des Buches gefragt, was ich jetzt nicht verstanden habe? Was ich verpasst hatte? Was denn nun wirklich passiert ist? Aber ich habe so ein dumpfes Gefühl, dass ich diese Antworten nicht bekommen kann.

Angela Lehner schafft in ihrem Debütroman Figuren, die so authentisch sind, dass man vergisst, dass es sich um einen fiktiven Roman handelt. Ich habe die beiden teilweise in ihrem Verhalten richtig eingeschätzt, bevor ich weitergelesen habe. Als würde ich sie kennen. Und sie sind so herrlich österreichisch. Lehner schreibt einfach österreichisch. Ost-österreichisch wohlgemerkt. Ein Lesegenuss.

Geht's kurz und knapp: Lernt diese verrückte Eva Gruber kennen und begleitet sie bei ihren hinterlistigen Spielchen.

Hanser Literaturverlag, 2019
978-3-446-26305-5

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