Den eigenen Weg finden

Somekh, Simone

Weitwinkel


Darum geht's: Ezra Kramer wächst in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde auf. Seine Eltern sind in ihren 20igern zum jüdischen Glauben konvertiert und halten sich strikt an alle Regeln, um in der Gesellschaft aufgenommen und akzeptiert zu werden. Das Glück, dass Gott ihnen endlich einen Sohn geschenkt hat, wird schon bald getrübt, als sie merken, dass Ezra gegen diese Konventionen auflehnt. 

In ihm schlummert ein künstlerisches Talent und vor allem ein wacher Geist. Er hinterfragt Dinge, bevor er sie für gut befindet. Er schaltet sein eigenes Bauchgefühl ein und vertraut diesem, wenn es ihm bedeutet, dass in der Gemeinde Unrecht geschieht. 

Je älter er wird, um so mehr lehnt er die strengen Regeln der Glaubensgemeinschaft ab und sucht seinen eigenen Weg. Dabei verleugnet er nicht den jüdischen Glauben. Er will diesen nur freier leben als dies seine Eltern machen. Natürlich bereitet das seinen Eltern und der ganzen Gemeinde großen Kummer. Als er sich dazu entschließt, nach New York zu gehen, um dort Fotograf zu werden, kehrt er seiner Familie den Rücken und ist auf sich gestellt. Nur seine Tante steht ihm zur Seite und unterstützt ihn immer dann, wenn es notwendig ist.

Wesentlich dazu beigetragen, dass er Brighton verlässt und seinen eigenen Weg geht, haben die Geschehnisse um Carmi. Ein Junge, der nach dem Tod seiner Mutter eine Weile bei ihm und seinen Eltern unterkam und ihm besonders ans Herz gewachsen ist. Sie waren von Anfang an Verbündete und fühlten sich wie Brüder. Sie teilten ihre tiefsten Geheimnisse und vertrauten einander. Was dann mit Carmi passiert, dafür gibt er ohne Nachsicht seinen Eltern, Carmis Vater, dem Rabbiner und der restlichen Gemeinschaft die Schuld und ist voll Zorn, wenn er nur an diese Menschen denkt. 
"Was mir jedoch noch immer am heftigsten zusetzte, war der zugleich vielsagende und passive Blick des Rabbiners Hirsch, der den Hass gekonnt schürte und endlos am Köcheln hielt. Alle hatten gesehen, was geschah; einige hatten darüber gesprochen, niemand hatte auch nur einen Schritt unternommen. Ich empfand mich als der einzige und schweigsame Zeuge des größten Unrechts, das auf den Straßen Brightons begangen worden war." (S. 120)

So geht's mir dabei: Mir ist durch diese Lektüre aufgefallen, dass ich eigentlich noch nie eine Geschichte über einen Juden oder eine jüdische Familie gelesen habe, die nicht in Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg stand. Ich fand den Einblick in diese Religion mit ihren verschiedenen Facetten sehr interessant. Für Ezra empfinde ich tiefste Bewunderung. Dass er nicht einfach blind den Vorgaben folgt sondern selbstsicher seine eigenen Ziele verfolgt und dabei trotzdem seiner Religion treu bleibt, finde ich unglaublich. 

Dabei ist dieser Charakter so intelligent und empfindsam. Er rebelliert nicht einfach, weil er eben jung ist und das dazugehört. Er leidet oft unter den Geschehnissen, fühlt sich einsam und unverstanden und versucht zurecht zu kommen. In Carmi findet er einen Bruder, einen Verbündeten, einen Freund. Was Carmi dann widerfährt ist für ihn unverzeihlich. Hier verhält er sich so menschlich. Das macht ihn für mich greifbar und zu einem bemerkenswerten Protagonisten. 

Auch nachdem er Brighton und der orthodoxen jüdischen Gemeinde den Rücken gekehrt hat und seine Freiheit in New York genießt, holen ihn die Gedanken über die Geschehnisse immer wieder ein. Es fällt ihm sichtlich schwer, keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern zu haben und setzt ihm immer wieder zu, wenn für ihn auch kein Weg mehr zurückführt. Erst als etwas Unvorhergesehenes passiert, reist er noch einmal zurück nach Brighton. Im Anschluss daran tretet er eine ganz andere Reise an, die ihn ans andere Ende der Welt und letztendlich zu sich selbst führt. 

Geht's kurz und knapp: Ein sehr gutes Buch! Ich kann es jedem empfehlen, der über die Strenge der jüdischen Religion und einen Jugendlichen, der damit nicht zurecht kommt, lesen will.  

Haymon Verlag, 2019

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