Wenn in den Bergen die Luft zum Atmen fehlt

Stoifberg, Niko.

Dort


Darum geht's: Sebi sieht eine Frau, Lydia, die ihn auf der Stelle fasziniert. Ihn trifft es, wie ein Blitz. Er muss diese Frau kennen lernen. Ohne recht zu wissen, was er selbst vor hat, geht er ihr und dem kleinen Kind an ihrer Seite fürs Erste einfach nach. In der Hoffnung, dass sich eine Gelegenheit ergibt, bei der er sie ansprechen kann. Diese Gelegenheit will sich aber nicht so recht ergeben, bis sie mit dem kleinen Jungen am See ist, einen Schwan füttert und ihr Handy läutet. Da kommt ihm die absurde Idee, das Kind in den See zu stoßen, um es dann zu retten und vor ihr als "Held" dazustehen. 
"Der Kleine schaut mich fragend an, greift nach dem Brot, und ich nach ihm. Ich fasse ihn um seinen Bauch und stoße ihn vom Mauerrand. Er klatscht auf - leiser als erwartet. Weder hat der Bub geschrien, noch hat sie sich umgedreht, noch kann ich sehen, was sich vor der Mauer unter mir abspielt." (S. 18)
Und nun geht alles schief. Die Rettungsaktion misslingt. Der Junge, ihr Bruder, stirbt und Sebi ist schuld daran.

Lydia sieht in ihm trotzdem den Helden. Denn in ihren Augen hat er alles in seiner Macht stehende versucht, um den Bruder zu retten. Aber er weiß, was wirklich geschehen ist und kann dies auch nicht hinter sich lassen.

Ausgerechnet am Tag danach, stellt ihm sein Vater seine Lebensgefährtin vor. Zu ihr hat er augenblicklich einen guten Draht und deutet ihr gegenüber an, dass etwas Schlimmes vorgefallen ist. Dass er etwas Unrechtes getan hat. Ohne dabei ins Detail zu gehen.

Schneller als erwartet, durchschaut sie, Xenia, aber sein Geheimnis und jetzt beginnt ein absurdes "Spiel" ihrerseits, bei dem er glaubt, mitspielen zu müssen, um Buße zu tun. Das alles verbannt ihn hoch hinauf in einen Bunker in den Bergen. Gefangen und doch frei. Zusammen mit Lydia und doch getrennt von ihr.
Bis er schließlich seinerseits ein Geheimnis aufdeckt. Nun scheint sich das Blatt noch einmal gänzlich zu wenden.
"Ich kann ihren Atem spüren, warm, vertraut und dennoch fremd. Für eine Nacht hab ich ihn mit ihr teilen dürfen. Eine Nacht. Es war die schönste meines Lebens - und die schlimmste ebenfalls." (S 206)

So geht's mir dabei: Ich hätte das Buch auf keinen Fall abbrechen können, aber ich bin wirklich froh, dass es fertig ist. Ich wollte Sebi einige Male schütteln und ihn anschreien. Ich wollte Xenia, die Lebensgefährtin von Sebi's Vater fragen, was für ein krankes Spiel sie eigentlich spielt und ihr sagen, dass sie verrückt ist und aufhören soll!! Ich wollte Lydia endlich erklären, warum Sebi sich plötzlich so abweisend verhält und ihrem Wunsch nach Nähe nicht nachgeben kann. Und Sebi's Vater wollte ich einfach nur missbilligende Blicke zuwerfen. Ihn abschätzig anschauen. Ihn spüren lassen, was ich von ihm halte.

Sprachlich ist dieses Buch einzigartig. Mir ist vorgekommen, ich lese ein Gedicht. Immer immer wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich auf das Wort warte, das den Abschlussvers beendet. Dann dachte ich wieder an einen Songtext, weil die Sprache so rhythmisch ist.  Ich habe mich teilweise richtig bemüht, einen erzählenden Tonfall zu finden (Ja, ich lese mir die Bücher im Stillen selber vor), bin aber immer wieder in diesen Rhythmus, diesen Gedicht-Ton zurückgefallen. Das lässt sich sehr schwer beschreiben, hat mir aber unheimlich gut gefallen. Das war völlig neu für mich und ich mag sprachliche Überraschungen. Die gibt es nicht so oft. Außerdem ist hin und wieder eine schweizerische Formulierung dabei. Mag ich auch. :-D

Die Geschichte, so düster und krankhaft sie in ihren Einzelheiten ist, zieht einen voll und ganz in ihren Bann und scheint im Nachhinein, als Gesamtes gesehen, doch sehr nahe liegend. Nicht abgehoben. Eher etwas, das jeder/jedem von uns so in der Art widerfahren könnte. Damit meine ich die Begebenheiten in der Familie. Das stimmt mich nachdenklich. Nachdenklich über die Menschen und die Grenzen, die sie immer wieder überschreiten, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

"Dort" ist ein Buch, das nachwirkt. Es geht einem wie den Protagonisten im Roman. Erst einmal kann man gar nicht verstehen, was gerade passiert ist. Schön langsam zeigt das Gelesene dann Wirkung und man versucht es einzuordnen und damit umzugehen.

Geht's kurz und knapp: Wer Bücher mit Ecken und Kanten mag, die zum Nachdenken anregen und sprachlich außergewöhnlich sind, ist hier genau richtig.


Nagel & Kimche, 2019
978-3-312-01120-9

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