Die Angst vor dem Fremden

Grond, Walter

Sommer ohne Abschied


Darum geht's: Ein Paar zieht mit seinen 2 Kindern von Wien in eine Kleinstadt in der Provinz. 
"In der Großstadt war uns alles zu viel und zu schnell und zu unübersichtlich geworden." S. 13
Obwohl Alex und seine Frau versuchen, sich in das Leben der Kleinstadt zu involvieren und mit den Bewohnern in Kontakt zu treten, werden sie von allen erst einmal argwöhnisch betrachtet und ausgeschlossen. Ohne Umschweife wird ihnen verdeutlicht, wie wenig willkommen sie hier sind. Einzig Roland, eine nicht wenig bedeutende Person in diesem Ort, findet Alex interessant und es entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft. Auch die Frauen der beiden kommen sich langsam näher.
"Meine Frau begann öfter nach Wien zu fahren, auch mit Therese abends auszugehen, und schloss sich schließlich einer kleinen Frauenrunde an, die wöchentlich in einem anderen Haus ein Abendessen zelebrierte und, wie es hieß, Frauendinge besprach." S. 61
Bis dahin hatten sie lediglich eine "Kinder-im-selben-Alter-Haben-Beziehung" (S. 60).

Nach und nach verändert sich Rolands Verhalten. Generell scheint es, als würden die Bewohner einer Prüfung unterzogen, in der sie ihre Menschlichkeit unter Beweis stellen müssen, als ein Flüchtlingsstrom das Land zu überrollen droht. Bald stellt sich heraus, wer hilfsbereit ist und wer lieber nichts mit alledem zu tun haben will. Und ebenso merkt man, wie leichtfertig man anhand dieser Handlungen die Menschen in gut und schlecht einzuteilen beginnt.
"Dann verfinsterte sich sein Blick, und er sah mir stechend in die Augen. Ich hatte ihm Fühllosigkeit unterstellt und tappte doch völlig im Dunkeln, was seine persönliche Haltung zur Flüchtlingsthematik betraf." S. 70

Dann ist da außerdem noch diese eine Nacht, von der man nicht so ganz genau weiß, was wirklich geschehen ist, die aber die Idylle der Kleinstadt ins Wanken bringt. Und neben den politischen Entwicklungen im Land und dem menschlichen Versagen in der kleinstädtischen Bevölkerung, kommt auch noch die Natur mit unvorhersehbaren Ereignissen ins Spiel.

So geht's mir dabei: Ich mag die Sprache des Autors. Keine allzu verschachtelten Sätze aber trotzdem anspruchsvoll. Außerdem habe ich oft bekannte Situationen aus dem Dorfleben entdeckt, über die ich mich wieder einmal wundern musste, die ich aber bestätigen kann, oder welche, die mich schmunzeln haben lassen. Zum Beispiel hier:
"Es ging so laut im Bierzelt zu, dass ich mich betrinken musste, um den Lärmpegel auszuhalten. Und wenn ein Bursche oder ein Mädchen mit dem Rot-Kreuz-Wagen ins Krankenhaus transportiert wurde, mit einer leeren Flasche Wodka im Rucksack, und Helene Fischers Atemlos durch die Nacht durch das Zelt schmetterte, und sich die Burschen das T-Shirt vom Leib rissen, und selbst betagte Frauen melancholisch mitzusingen begannen, und Schnaps nach Metermaß aufgetischt wurde, war ich glücklich, oder hielt es für Glück, zu fortgeschrittener Stunde und bis spät in die Nacht." S. 74
:-D Jaja....das kenne ich. Ich bin auch am Land aufgewachsen.

Es werden teilweise sehr schwere Themen angeschnitten, die man in einem Roman mit 120 Seiten freilich auch nicht allzu tiefgründig abhandeln kann. Für mich tut das der Geschichte aber keinen Abbruch und man erkennt klar und deutlich, welche Haltung dem Autor wichtig ist. Schwerpunkt für mich ist die Angst vor dem Fremden. Das zieht sich auf mehreren Ebenen durch, wirkt oft überzogen und lächerlich, aber man weiß, dass es sich genau so abspielt in den Köpfen vieler Menschen.

Geht's kurz und knapp? Mir hat der Roman gut gefallen und ich kann die Lektüre empfehlen, wenn ich auch nicht bis ins Mark getroffen oder mein Innerstes aufgerüttelt wurde von der Geschichte.

HaymonVerlag, 2019
978-3-709-934-517


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