Dunkelgrün fast schwarz

Fallwickl, Mareike
Dunkelgrün fast schwarz


Wenn man einen Blog schreibt, einem aber die Worte ausgehen, wird's schwierig. Aber tief durchatmen und los geht's:

Darum geht's: Es geht um die Beziehung zwischen Moritz und Raffael. Und um Moritz' Mutter Marie, die dieser Freundschaft von Beginn an nichts Gutes abgewinnen kann und hin und her gerissen ist, zwischen Reden und Schweigen, zwischen Anklagen und Verharmlosen. Als Moritz und Raffael sich kennen lernen sind sie Kleinkinder, keine 4 Jahre alt. Marie durchschaut die Durchtriebenheit von Raffael sofort, nimmt ihre Wahrnehmungen aber selbst nicht ganz ernst und weiß ohnehin nicht, wie sie darauf reagieren könnte. Als sie sich sicher ist, dass sie immer schon recht hatte mit ihrer Meinung über Raffael, ist es schließlich zu spät. Die Buben sind seit Jahren befreundet und Moritz entkommt den Fängen seines vermeintlichen Freundes nicht. Sie sind bereits Teenager, als Johanna ins Spiel kommt. Ein Mädchen, das ihre Eltern verloren hat und neu an die Schule kommt. Sie schafft es, in die Freundschaft der beiden Burschen einzudringen und von nun an sieht man sie quasi nur noch zu dritt. Aus Moritz und Johanna wird schnell ein Paar. Moritz ist glücklich und verliebt und blind. Dass er nur dazu dient, Johannas Reiz bei Raffael zu steigern, kann und will er nicht sehen. Ausgerechnet er, der so viel mehr sieht, als alle anderen.

Diese Geschehnisse liegen aber bereits viele Jahre zurück. Mittlerweile ist Raffael quer durch die Welt unterwegs, um erpresserische Geschäfte abzuwickeln. Johannas Leben ist ein einziges Warten auf Raffael, auf Zeichen von ihm, auf Hinweise, wo er ist. Moritz ist in einer Beziehung mit Kirstin, erfolgreicher Bauleiter und wird bald Vater. Raffael und Johanna hat er seit Ewigkeiten nicht gesehen oder von ihnen gehört, weiß auch gar nicht wo sie sind. Bis plötzlich Mitten in der Nacht Raffael vor seiner Tür steht. In diesem Moment ahnt Moritz noch nicht, was in den kommenden Tag auf ihn zukommt und wie schnell die Ereignisse von vor 16 Jahren wieder präsent sein können...

"Raffael ist nicht der, für den du ihn hältst, verstehst du?" Schlagartig wird ihre Miene müde, und es ist nicht die Müdigkeit von mangelndem Schlaf und finsteren Nächten, es ist die Erschöpfung vieler Jahre. Sie schaut ihn an, schaut in ihn hinein, und da ist ein Flehen in ihrem Blick, eine Dringlichkeit.
"Nein", sagt sie dann mit Wärme und legt ihm liebevoll eine Hand auf die Wange, "du verstehst es nicht." (S. 251)


So geht's mir dabei: Ich weiß nicht, ob ich schon einmal ein Buch gelesen habe, das mich in solch einem Ausmaß auf eine emotionale Achterbahn geschickt hat. Mir fehlen die Worte, um es zu beschreiben und gleichzeitig kann ich gar nicht aufhören, darüber zu reden. Ich konnte während der Lektüre Abends nicht schlafen, weil ich weiterlesen wollte und als ich das Buch beendet habe, konnte ich nicht schlafen, weil es vorbei war. Ich lag noch 2 Stunden wach mit meinen Gedanken über die Protagonisten. Rechts und links von mir meine Kinder, deren Forderung nach Nähe ich dank Marie einfach nur glückselig wahrgenommen und genossen habe in dieser Nacht. 
Ich habe während des Lesens gehofft, resigniert, verachtet, bewundert, mitgefühlt, nicht-verstanden, verstanden, gebangt, aufgegeben, weitergemacht. An einem Punkt bin ich frierend und auf meinen Nägel kauend in meinem Wohnzimmer gesessen. Im Jogginganzug. Unter der Wolldecke. Bei 24 Grad im Raum. UND ich habe noch NIE an meinen Nägeln gekaut. Noch nie. Ich finde das eklig. 

Die einzelnen Figuren der Geschichte sind so echt. Sie werden mit einer unnachgiebigen Wahrheit in glasklaren Worten beschrieben, dass man sich in Teilen aller Personen wiederfindet. Mir ist es zumindest so ergangen. Vor allem Marie ist mir sehr ans Herz gewachsen. All ihre Ängste und Sorgen konnte ich so gut nachvollziehen. Und die Machtlosigkeit. Ihr Ausgeliefertsein. Man weiß als Leser einfach auch nicht, was sie tun hätte sollen oder können. Sie konnte nur zusehen, wie ihr Kind den Geschehnissen ausgeliefert ist und ein Eingreifen war quasi nicht möglich. Furchtbare Vorstellung. 

Moritz würde man am liebsten durchgehend umarmen, Johanna möchte man schütteln und ihr irgendwie helfen, aber man weiß selber nicht wie. Und Raffael....ich persönlich verachte ihn nicht, wenn ich auch öfter an dem Punkt war, an dem ich ihm gern eine Ohrfeige gegeben hätte. Vor allem, als er erwachsen ist. Er, mit seinem dämlichen Grinser.

Merkt ihr es? Ich erzähle gar nichts von der Geschichte...ich rede über die Personen. Es ist wirklich, als würde man sie kennen. Als hätte man in das Innerste von Bekannten geschaut. Deswegen nimmt es einen vermutlich so mit. 

Geht's kurz und knapp? Ich kann nicht fassen, dass es Mareike Fallwickls Debütroman ist! Mich hat das Buch einfach "umgehauen". Ich weiß ehrlich gesagt im Moment nicht, wie ich jetzt ein anderes Buch lesen soll....

Etwas muss ich noch sagen: Gelb ist für mich nur der Freitag. (Kleiner Insider. ;-)) 

Frankfurter Verlagsanstalt

Kommentare

  1. Liebe Sabine, so ein großartiger Einblick in deine Lesegedanken! Danke für diesen Blog mit soviel Gefühl zwischen den Zeilen, darauf und darunter! Du hast mich sooo neugierig gemacht und ich würde am liebsten sofort loslegen... freue mich auf die dunkelgrüne, schwarze u gelbe Welt... ;-) Liebe Grüße Iris

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