Schwere Themen leicht verpackt

Walser, Martin. Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte



Darum geht's: Justus Mall schreibt einen Blog. Dabei handelt es sich um ein Experiment. Er will herausfinden, ob er, wenn er sich ohne Umschweife preisgibt, seinen Gedanken ohne Rücksicht auf "GAR ALLES" freien Lauf lässt, liebenswürdig ist. Ob es eine Frau gibt, die ihm antwortet. Trotzdem antwortet. Obwohl sie alles über ihn weiß, vor allem das, das er verschweigen sollte. Alles, was man nicht sagen darf. Es geht um einen verzweifelten alten Mann, der sich nach Liebe und Erotik sehnt und dies in aller Offenheit ausdrückt. Er gibt auch Einblicke in sein Leben. Er liebt 2 Frauen, wobei ihn seine Geliebte verlässt, was er nicht ganz glauben kann und auch nicht ernst nehmen will.
Warum er zu einem verzweifelten Philosophen wurde schildert er auch. Er war einst Oberregierungsrat im Justizministerium, wurde dann aber von einer Praktikantin der sexuellen Belästigung bezichtigt, was eine Welle der Empörung in sämtlichen Medien auslöste und ihn beinahe in den Wahnsinn trieb. Er wurde von der Presse verhöhnt und beschuldigt.

"Fast tröstlich fand er, dass in einer Zeitung auch vermerkt war, es sei Franz gewesen, der Freund der Praktikantin, der sie auf die Idee brachte, den ihr bekannten Oberregierungsrat als Grapscher zu entlarven. Franz Meschenmoser, stand da, sei ein junger Lyriker, der gesagt habe, wenn er Politiker wäre, würde er für die Grapscher der Altherren-Riege die Todesstrafe fordern. Die Flut an Anklagen, der Schwall der Verhöhnungen, die Scheußlichkeit der Unterstellungen - all das nahm so zu, dass Mall spürte: Er hatte sich überschätzt. Er hatte geglaubt, es genüge, sich im Recht zu fühlen. Von wegen! Er musste fliehen." S. 84
So geht's mir dabei: Romane in Briefform oder in diesem Fall in Form vieler Blogartikel sind immer sehr kurzweilig zu lesen. Das mag ich zwischendurch sehr gerne. Vor allem wenn sie von einem der bedeutendsten Autoren der Gegenwartsliteratur stammen. Der Roman gibt ein eindeutiges Statement in der #MeToo-Debatte ab, indem er davor warnt, einfach blind zu verurteilen. Auch wenn die Darstellung des Protagonisten sehr privat wirkt, würde ich nicht soweit gehen, ein Alter Ego des Autors zu behaupten. Das wäre mir für einen Schriftsteller wie es Martin Walser ist, zu einfach. Der Roman will provozieren, das schafft er auch. Man fühlt sich oft nicht wohl bei der Lektüre und findet wenig Sympathien für Justus Mall. Allerdings entwaffnet ihn seine ungeschminkte Ehrlichkeit und er tut einem auch irgendwie leid.

Geht's kurz und knapp? Keine leichte Kost. Trotzdem lesen.

Rowohlt Verlag, April 2018
ISBN 978-3-498-07400-5

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