Mondblau
Mittler-Solak, Fatma
Frankfurter Verlagsanstalt, 03.09.2026
ISBN 978-3-627-00353-1
352 Seiten
Darum geht's: Ayla und Victoria sind unzertrennliche Freundinnen, seit sie gemeinsam die Schulbank gedrückt haben. Als Ayla mit 42 ihr viertes Kind zur Welt bringt, wird Victoria, die selbst keine Familie gegründet hat, die Patentante des Babys. Doch ausgerechnet in der schwersten Phase von Ayla, entfernt sich ihre beste Freundin von ihr. Ayla kann ihr viertes Kind nicht als das ihre annehmen. Während ihre ersten drei Kinder allesamt blond sind, wie ihr Mann, ist dieses Baby dunkel wie sie selbst. Andere Menschen sagen ihr, das Baby sei ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, sie selbst glaubt an eine Verwechslung und fällt in eine schwere Depression. Dass sich ihr Mann zunehmend von ihr abwendet scheint sie dabei weit weniger zu treffen, als die Entfernung ihrer besten Freundin Victoria, die plötzlich nicht mehr für sie erreichbar ist.
Aus anfänglicher Erschütterung wird zunehmend die Obsession, herauszufinden, warum sich Victoria von ihr abgewandt hat. Über den Instagram-Kanal ihrer Freundin versucht sie nachzuvollziehen, was in ihr vorgeht und wo sie ist. Sie schreibt ihr Nachrichten. Ruft an. Treibt sich in ihrer Wohngegend herum und fährt schließlich in ihr Büro. Immer besessener wird Ayla von der Idee, warum sich Victoria von ihr zurückgezogen hat, verliert dabei sogar ihre Kinder aus den Augen, leidet körperlich und verfängt sich in einen Strudel an Mutmaßungen, aus dem sie nicht mehr herausfindet.
"Was hat das zu bedeuten? Victoria macht irgendwas Bedeutungsvolles und kündigt es Fremden auf Instagram an, und zu ihr sagt sie nichts? Die Faust in ihrem Bauch wird zur Fackel, das Feuer lodert in ihr und frisst sich bis in ihr Herz rein. Ein Druck legt sich auf Aylas Brust." S. 276
So geht's mir dabei: Die Geschichte von Ayla hat mich regelrecht in ihren Bann und somit heraus aus einer Leseflaute gezogen. Ayla versucht all ihren Rollen gerecht zu werden und verliert sich selbst dabei völlig aus den Augen, was zur Folge hat, dass sich nach und nach auch die Menschen, die ihr nahe stehen, von ihr abwenden. Sogar ihre Kinder dringen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu ihr durch.
In dem Buch werden schwere Themen aufgegriffen. Ayla befindet sich in ihrer Lebensmitte in einer existenziellen Krise. Als Tochter einer türkischen Einwanderfamilie wollte sie einst allen beweisen, wozu sie fähig ist. Sie wollte Jus studieren und Richterin werden, war in der Schule stets besser als ihre Mitschüler:innen. Eine gescheiterte Liebe in jungen Jahren hat sie aber aus der Bahn geworfen und das Jus-Studium war vor allem ob seiner herausfordernden Sprache eine Hürde, die sie letztlich nicht bewältigen konnte. Ein Versagen ihrerseits, das sie selbst nie überwunden hat. Dass sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern eine perfekt Familie gegründet hat, ist ihr ein Trost, doch dann wird sie zum vierten Mal Mama und erleidet eine schwere Wochenbettdepression. Dafür hat weder ihr Mann Verständnis und naturgemäß auch nicht ihre drei kleinen Kinder. Dass sich aber ihre beste Freundin ausgerechnet in dieser Zeit von ihr abwendet, ist für Ayla ein Verrat sondergleichen. Nicht nur an ihr selbst, auch an ihrer Familie und ihren Eltern.
Zahlreiche Fragen bleiben ungeklärt und wir Lesenden bleiben etwas ratlos zurück, aber das Buch wühlt auf und ist sehr berührend.
Geht's kurz und knapp? Ein spannender Roman über Themen wie Mutterschaft, Herkunft, Freundschaft und Obsession. Fesselnd, eindringlich und erfrischend anders. Leseempfehlung!
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Vielen Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.

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