Klasse Frauen

Kerstinger, Andrea

edition keiper
ISBN: 978-3-90357-570-7
184 S. 



Darum geht's
: Rebekka schreibt ein Maturatreffen aus, um ihre Freundinnen aus Jugendtagen an einem Wochenende wiederzusehen. Alle sind quer durch das Burgenland verteilt - eine von ihnen, Angelika, hat es sogar bis nach London verschlagen - und jede hat ihren eigenen Lebensweg eingeschlagen. Über die Jahre haben sie sich mehr oder weniger aus den Augen verloren. Mit dem Vorschlag des Treffens wird unter den Frauen etwas in Gang gesetzt: Erinnerungen werden wach, vergessene Gefühle klopfen an die Oberfläche. Während der Schulzeit haben sich alle Frauen gut gekannt, waren zufällig miteinander verbunden und die Tatsache, dass sie die letzte Mädchenklasse im Theresianum sein würden, hat diese Bande wohl noch verstärkt. Doch wie sieht es jetzt mit dieser Verbindung aus? Jahre später? 

Die einzelnen Figuren der Geschichte halten aufgrund des Klassentreffens kurz in ihrer aktuellen Lebensphase inne. Überlegen, was ihre Ziele waren, wohin sie ihr Leben ausrichten wollten, in diesen fernen Schultagen und wo sie jetzt - 20 Jahre später - schlussendlich gelandet sind. Viele merken, wie unzufrieden sie eigentlich mit ihrem Alltag sind, dass sie gerne einiges ändern würden, dass sie gar nach Außen einen Schein aufrecht erhalten, es innerlich aber ganz anders aussieht, nur sehr wenige von ihnen scheinen zufrieden zu sein. 

"Und dennoch war da etwas in ihr, das an ihr nagte und zerrte, etwas, das sie unruhig werden ließ und unzufrieden. Auch wenn Michael ein netter, liebevoller Ehemann war, so war es jahrelang doch Sylvia gewesen, die sich um die beiden Töchter und den Haushalt kümmerte. Schließlich >arbeitete< sie ja damals noch nicht, denn wer würde Care-Arbeit schon als Arbeit im ursprünglichen Sinn bezeichnen?" (S. 71)


So geht's mir dabei: In ihrem Debutoman greift Andrea Kerstinger verschiedene Lebensentwürfe von unterschiedlichen Frauen auf. Eine große Rolle spielt dabei jeweils die Herkunft bzw. die Umgebung, in der die Frauen sesshaft wurden und das wird auch durch die verschiedenen Sprachen und Dialekte vermittelt. So kommen zum Beispiel Burgenlandkroatisch, Hianzisch, Ungarisch oder auch Romani im Buch vor. Ein Glossar am Ende des Buches erklärt die verwendeten Begriffe. Diese sprachlichen Ausflüge fand ich sehr interessant. Darüber hinaus färben aber auch die Bräuche und Traditionen der Ortschaften auf die Entscheidungen und Lebenswege der Einzelnen ab. 

Das Buch zeigt gut, wie oft hinter verschlossenen Haustüren eine ganz andere Wahrheit liegt, als man von außen vermuten würde und als besondere Stärke der Geschichten empfinde ich die unterschwellige Verbundenheit durch weibliche Solidarität. Eine Botschaft dieses Romans ist jedenfalls, dass durch mehr Zusammenhalt und gegenseitige Ermutigung auch mehr Selbstbewusstsein und Kraft entwickelt hätte werden können. Hätten sich die 14 Frauen verbündet und wären es geblieben, wären manche Wege eventuell anders verlaufen - mitunter vielleicht auch weniger steinig. 

Ich hätte mir an manchen Stellen noch mehr Tiefgang der einzelnen Geschichten gewünscht und wenn wir Lesenden beim eigentlichen Klassentreffen noch dabei sein hätten können, hätte mich das sehr gefreut. Abgesehen davon, kann ich das Buch aber sehr empfehlen. Es enthält zahlreiche Passagen, die den Zeitgeist treffen, alte Rollenklischees reflektieren und aufbrechen und den innerlichen Zwist beschreiben, in denen sich bestimmt viele Frauen Mitte vierzig befinden. Mir persönlich hat das Buch noch besser gefallen, als ich es nicht mehr "in einem durch" gelesen habe sondern mit etwas Abstand zwischen den einzelnen Geschichten. Die Wirkung war dadurch für mich persönlich noch einmal ganz anders.

Geht's kurz und knapp? Es ist ein ruhiges Buch, in dem viele Monologe stattfinden und weibliche Perspektiven reflektiert werden. Wer gerne verschiedene Lebenswege kennenlernt, die immer wieder auch miteinander verbunden sind, wird dieses Buch sehr gerne lesen. 


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Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an die Autorin und den edition keiper Verlag



 

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